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Tränen trocknen und loslaufen: 5 Schritte für Unternehmen, um ihre Resilienz zu stärken

Beobachtet man die aktuelle Berichterstattung zu den wirtschaftlichen Folgen von Corona, so lassen sich im Wesentlichen zwei Narrative erkennen. Das erste Narrativ ist das einer kommenden Insolvenzwelle. Es bezieht sich vor allem auf Unternehmen aus der Gastronomie, der Tourismus-Branche und aus dem Veranstaltungsbereich, die von den neuen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit voller Wucht getroffen werden. Der Gastronomieverband rechnet damit, dass ein Drittel der Betriebe in den kommenden Wochen dauerhaft schließen wird. Dieses Narrativ ist geprägt von Angst, Verzweiflung und dem Gefühl, den Umständen hilflos ausgeliefert zu sein.

Parallel dazu gibt es ein anderes Narrativ. Es richtet den Blick auf die Möglichkeiten und Chancen, die eine Krise wie die aktuelle mit sich bringt. Die Annahme: Wenn ganz viel verschwindet, entsteht danach zwangsläufig ganz viel Neues – und bringt Fortschritt in Gang. Dieses Narrativ ist geprägt von Neugier, Mut und dem Gefühl, es selbst in der Hand zu haben, das Neue mitzugestalten.

Beide Narrative haben ihre Berechtigung. Keines ist falsch, besser oder schlechter als das andere. Jeder geschlossene Betrieb, jede bedrohte Existenz, jeder Verlust von Schaffensraum und Identität, die gerade die Arbeit in kleinen, inhaber*innengeführten Betrieben stiftet, ist für sich genommen tragisch und verdient es, genau so gesehen zu werden. Auch steht außer Frage, dass der Staat helfen muss, wenn Menschen in existenzielle Not geraten.

Gleichzeitig brauchen wir aber auch das zweite Narrativ, um weitermachen zu können. Wir müssen den Blick nach vorn richten. Denn erst wenn wir es zulassen, die aktuelle Lage auch als Chance zu sehen, haben wir die Kraft und das Mindset, um aktiv und kreativ zu werden. Auch wenn Unternehmen aktuell vor großen Herausforderungen stehen, haben viele von ihnen nach wie vor Spielräume. Jetzt kommt es darauf an, diese zu nutzen.

“Resilienz” heißt das Wort der Stunde. Man könnte es mit „Widerstandsfähigkeit“ übersetzen, mit der Fähigkeit, sich von äußeren Einflüssen nicht so schnell umhauen zu lassen, sondern auch unter veränderten Bedingungen anzupacken und weiterzumachen. Immer und immer wieder. Denn die digitale Transformation hat gerade erst angefangen und sie ist nur eine komplexe globale Entwicklung neben anderen, allen voran dem Klimawandel.

Wie können Unternehmen ihre Widerstandskraft stärken? Wie kommen sie auch in Zeiten großer Unsicherheit ins Machen? – Wir haben fünf wesentliche Schritte für euch zusammengetragen.

1. Das Fundament: People & Purpose

Ins Machen kommt am besten, wenn man weiß, warum und wozu etwas angepackt, neu gedacht, verändert oder entwickelt werden sollte. Die Frage nach den inneren Treibern einer Organisation, aber auch denen der Menschen in der Organisation, ist essentiell. Ein gemeinsamer Purpose ist das, was bleibt, auch wenn sich Rahmenbedingungen und Prozesse fundamental ändern. Dasselbe gilt für eine starke Kultur der zwischenmenschlichen Verbindungen. Organisationen, in denen die einzelnen Glieder stark miteinander verbunden sind, kann so schnell nichts erschüttern. „Vulnerable Leadership“, also ein Führungsstil, der auf Offenheit, Zuhören und Fragen setzt und der Fehler zulässt, fördert eine Kultur des Miteinanders auf Augenhöhe, gibt Sicherheit und motiviert, Dinge einfach mal auszuprobieren.

2. Die Reflektion: Nur neue Schläuche oder auch neuer Wein?

Wenn das eigene Produkt oder die angebotene Dienstleistung unter den neuen Bedingungen nicht mehr funktioniert, ist der Zeitpunkt gekommen, das zugrunde liegende Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen. Denn in Krisenzeiten zeigt sich auf Kund*innenseite nicht nur, was sie zum Leben brauchen und was ihnen fehlt, wenn sie es nicht mehr haben, sondern auch, worauf sie gut und gern verzichten können. Produkte und Dienstleistungen verschwinden vom Markt, andere passen sich an die neuen Gegebenheiten an, auch wenn das mitunter bedeutet, das eigene Geschäftsmodell einmal komplett auf den Kopf zu stellen. In seinem neuen Buch „Werdet WELTMUTFÜHRER“ listet Philipp Depiereux genau die Fragen auf, die Organisationen sich jetzt stellen müssen:

  • “Habe ich das richtige Geschäftsmodell, um auch in fünf oder zehn Jahren noch bestehen zu können?
  • Wie schaffe ich es, mit bestehenden und neuen Kundinnen schnell in den digitalen Austausch und ins Geschäft zu kommen (…)
  • Wie muss ich mein Unternehmen verändern, damit ich einen Beitrag zu den sozialen und ökologischen Herausforderungen in der Welt leisten kann?
  • Wie muss ich meine Organisationsform, Arbeits- und Innovationsweise ändern, damit ich mit den neuen digitalen Wettbewerbern und den sich rasant verändernden Märkten mithalten kann?”

In der Start-up-Szene, die ebenfalls stark von der Krise betroffen ist, ist diese Art der Neuausrichtung als „Pivoting“ bekannt. Dabei bleiben die Vision, der Purpose und die Kultur der Organisation erhalten, während es im Hinblick auf Produkt, Zielgruppe und Vertriebskanäle einen radikalen Kurswechsel gibt. Auch mit Tandemploy haben wir erfolgreich pivotiert: Statt eines Jobsharing-Portals für Kandidat*innen entwickeln wir heute Talentmarktplatz-Software für Organisationen. Damit sind wir nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Weltbekannte Unternehmen haben sich in schwierigen Zeiten komplett neu aufgestellt:

  • Twitter – Von der Podcast-Plattform zum Microblogging-Dienst
  • Groupon – Vom Spendenportal zum Gutschein-Anbieter
  • Starbucks – Vom Shop für Kaffeemaschinen zum stylischen Kaffeehaus
  • Apple – Vom Händler für Computerzubehör zum Computergiganten
  • PayPal – Von der PDA-Sicherheitssoftware zum Zahlungsdienstleister

Sie alle standen einst vor der Frage, wie sie ihre Vision unter neuen Bedingungen umsetzen können, inwieweit sie ihr Produkt anpassen müssen und wie sie sich und ihre Teams neu aufstellen müssen, um ihr Ziel bestmöglich zu erreichen. Hat sie dieser Schritt ins Ungewisse geängstigt? Hatten Sie Zweifel? – Mit Sicherheit. Und doch sind sie losgegangen und haben es probiert in dem Wissen, dass ein Festhalten am bestehenden Geschäftsmodell weit schlimmere Konsequenzen hätte. In seiner Keynote zum Thema “Resilienz” auf der HR Technology & Conference Expo brachte es Marcus Buckingham, New York Times Bestseller-Autor, sehr schön auf den Punkt: “We do not need leaders to sugarcoat things for us and pretend things are going to go back to normal. (..) What makes people feel better is reality. (…) If we know the changes that are going to happen at work, we’re not only fine, we’re better. We’re stronger.”

3. Beweglich werden: von Start-ups lernen

Junge Unternehmen, gerade aus dem Tech-Bereich, sind bekannt für ihre offenen Strukturen und ihre kurzen Innovationszyklen. Mit veränderten Bedingungen können sie meist gut umgehen, sehen sie oft sogar als positiven Anreiz, um ihr Produkt noch besser auf die Zielgruppe zuzuschneiden. Etablierte Organisationen können sich hier einiges abgucken, um gar nicht erst im Krisenmodus zu verharren, sondern ebenfalls schnellstmöglich in Aufbruchstimmung zu kommen.

Einen Ansatz liefert zum Beispiel die „Effectuation-Methode“. Im Gegensatz zum klassischen Management, das die Zukunft vorhersagen und planen möchte, basiert die Effectuation-Methode auf der Vermutung, dass Unvorhergesehenes passieren wird und es vor allem darauf ankommt, stets beweglich und handlungsfähig zu bleiben.

Effectuation Grafik

Was diese Methode in der aktuellen Situation besonders attraktiv macht, ist der Fokus auf das, was da ist, auf die vorhandenen Ressourcen und Mittel. Schließlich haben die meisten Organisationen nach wie vor ihre wertvollste Ressource: ihre eigenen Mitarbeitenden. Sie sind der Ausgangspunkt für positive und proaktive Veränderung. Jetzt ist es an der Zeit, gemeinsam mit ihnen loszulaufen, genau zu gucken, welche Talente und Fähigkeiten im Unternehmen vorhanden sind und wie sie bestmöglich miteinander verknüpft werden können, um neu zu starten und die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen.

Neben übergeordneten Methoden, wie Effectuation, gibt es jede Menge weitere Tools und Workhacks aus der Start-up-Welt, die Unternehmen für sich nutzen können. Eine kleine Auswahl:

  1. Lean-Start-up: „Lean“ heißt so viel wie „schlank“ und genau darum geht es: Prozesse möglichst einfach und überschaubar zu halten, unnötige Hierarchiestufen und Abstimmungsschleifen abzuschaffen und Produkte noch im Entwicklungsprozess immer wieder am Kunden zu testen. Das setzt voraus, dass Mitarbeitende Spielräume haben und Führungskräfte auf die Kompetenzen und das Urteilsvermögen ihrer Belegschaft vertrauen.
  2. In Rollen denken: Es gibt einen Bereich in der Organisation, der total wichtig ist, aber in kein bestehendes Jobprofil passt? – Dann müssen eben neue Profile her! Was für die Produktentwicklung gilt, sollte auch als Maßstab für die Zusammenarbeit innerhalb der Organisation angelegt werden: maximale Nutzer*innenfokussierung. Ihr braucht jemanden, der die Einführung neuer digitaler Tools im Unternehmen begleitet? – Ernennt einen Digital Officer oder eine Miss Digital. Ihr wollt das Thema „gesundes Essen“ stärker in den Arbeitsalltag integrieren? – Ernennt einen „Chief Vitamin Manager“ oder eine „CHFO“ (Chief Healthy Food Officer). Jeder Rolle sollte eine Beschreibung zugeordnet werden, aus der die Verantwortlichkeiten und Aufgaben ersichtlich werden und auf die alle Mitarbeitenden Zugriff haben.
  3. Testen, Testen, Testen: In Zeiten, in denen man heute nicht weiß, was nächste Woche passieren wird, ist es wichtiger denn je, mit seiner Zielgruppe verbunden zu sein. Auch wenn das Produkt nicht perfekt ist, müssen Unternehmen sich trauen, es unter die Leute zu bringen. Das Feedback der Nutzer*innen ist eine essentielle Zutat für den weiteren Entwicklungsprozess. Dieselbe Experimentierfreude darf auch organisationsintern gelten: Fragt Mitarbeitende, wie sie aktuell am besten arbeiten können, was sie brauchen, um jetzt maximal kreativ und produktiv zu sein, und macht euch anschließend daran, passende (digitale) Tools für kollaboratives Arbeiten gemeinsam auszutesten.

4. Wenn es läuft: Das Fundament stärken

Was macht resilient und stark für eine ungewisse Zukunft? – Die spanische Gleichstellungsministerin Irene Montero hat eine klare Antwort darauf gefunden: gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, unabhängig vom Geschlecht. Ein entsprechendes Dekret wurde umgehend erlassen. Die Ministerin sieht darin einen wichtigen Schritt gegen die Wirtschaftskrise. Auf Spiegel Online wird sie mit den Worten zitiert: „Um uns von dieser Notfallsituation zu erholen, müssen wir als Frauen für gleiche Arbeit auch das Gleiche verdienen wie die Männer.“ Unternehmen, deren Strukturen auf Gleichstellung, Diversität und Offenheit gegenüber allen Menschen und Lebensmodellen basieren, werden mit großer Wahrscheinlichkeit gestärkt aus der Krise hervorgehen. Letztendlich haben sie auch die größte Chance, Produkte zu erschaffen, von denen sich viele unterschiedliche Menschen angesprochen fühlen.

5. Und schließlich: auf zur Netzwerkorganisation

Abstandsregelungen und Social Distancing haben uns einmal mehr vor Augen geführt, dass Menschen soziale Wesen sind. Unsere Lebens- und Arbeitsqualität bemisst sich zu einem großen Teil an der Qualität der Interaktionen mit den Menschen um uns herum. Gute, gesunde Beziehungen machen uns glücklich und widerstandsfähig, auch angesichts von Rückschlägen und Entbehrungen. In die Verbundenheit der Mitarbeitenden zu investieren ist folglich eine Investition in die Zukunft. Austausch, gemeinsames Lernen und interdisziplinäre Teams gehören zu den Basics einer modernen Netzwerkorganisation.

In einem Beitrag auf LinkedIn kurz nach dem ersten Lockdown im Frühjahr hat unsere Co-Gründerin Anna das gute Zusammenspiel von Mitarbeitenden in Unternehmen mit dem menschlichen Immunsystem verglichen. “Gerade in Extremsituationen, wie der aktuellen, zeigt sich: Je besser die einzelnen Teile des “Organismus Unternehmen” miteinander vernetzt sind, desto wirkungsvoller ist er gegen Bedrohungen gewappnet. Je stärker die Verbindungen der einzelnen Zellen untereinander sind, desto dicker ist die Haut des Unternehmens und desto schwerer ist es für ungewollte Attacken, den Kern des Organismus und seine Funktionsfähigkeit ernsthaft in Gefahr zu bringen.” Also: raus aus den Silos und rein in den Austausch über alle Abteilungen und Positionen hinweg!

Mehr noch: über Unternehmensgrenzen hinweg. Denn die großen Herausforderungen, vor denen Wirtschaft und Gesellschaft stehen, lassen sich nicht allein durch Konkurrenz lösen. Kollaboration und ein starkes externes Netzwerk sind wichtiger denn je. Wie fruchtbar eine organisationsübergreifende Vernetzung sein kann, zeigt die kürzlich gestartete Initiative des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM), des größten HR-Verbandes hierzulande. Seit dem Sommer können sich die 4.700 Mitglieder des Verbandes mit Hilfe unserer Tandemploy Skill Matching-Software vernetzen – für Mentorings, Expert*innen-Sessions und Lunch Dates. Denn manchmal reicht schon ein Mittagessen mit jemandem, der nicht in den eigenen Denkmustern und Strukturen verhaftet ist, um den Knoten zu lösen und Veränderung anzustoßen. Gerade in Zeiten, in denen der pandemiebedingte individuelle Bewegungsradius stark eingeschränkt ist,  brauchen Menschen und Organisationen den Blick über den eigenen Tellerrand.

Fazit: Um die Krise gut zu meistern, brauchen wir ein realistisches, optimistisches, zukunftsgewandtes Narrativ. Eines, das nicht eine Rückkehr zur “alten Normalität” zum Ziel hat, sondern das die veränderten Bedingungen und neue Chancen in den Blick nimmt. Das auf starke menschliche Verbindungen setzt trotz sozialer Distanz. Es gibt viele tolle Beispiele, wie Menschen und Organisationen gestärkt aus Krisen hervorgegangen sind. Lasst uns diese als Inspiration nehmen, ohne diejenigen, die durch Corona in existentielle Not geraten sind, zu vergessen.

Unsere fünf Meilensteine auf dem Weg zu einer resilienten Organisation noch einmal auf einen Blick:

  1. Fundament bilden: People und Purpose
  2. Reflexion: Business Modell prüfen und ggf. Pivoting
  3. Beweglich werden: von Start-ups lernen
  4. Das Fundament stärken: Diversität und Gleichstellung fördern
  5. Auf zur Netzwerkorganisation: interne und externe Verbindungen stärken

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