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„You don’t need to make work your life to do a great job.“ – Interview mit Artur Kos vom Blackbird Collective

Das Blackbird Collective aus Berlin hilft Start-ups und mittelständischen Unternehmen, die richtigen Leute einzustellen. Blackbird wurde 2015 von Artur Kos gegründet. Inzwischen ist daraus das Blackbird Collective mit 9 Mitarbeiter*innen geworden, die alle 4 Tage (oder weniger) die Woche, ortsunabhängig und mit festen Verträgen arbeiten. Wir haben mit Artur über diese besondere Zusammenarbeit, neue Lebens- und Arbeitsmodelle und die Vision von  Blackbird gesprochen.

Was waren deine Beweggründe Blackbird zu gründen? Was ist deine Vision?

Ich habe meinen letzten Bürojob verlassen, da ich das Gefühl hatte, dass er zu viel meiner Zeit in Anspruch nahm und dass es da draußen noch so viel mehr zu tun gibt. Seitdem beschäftige ich mich damit, für mich selbst nach einem nachhaltigeren Modell zu suchen. Zunächst habe ich als Freelancer gearbeitet und verschiedene Modelle ausprobiert. Wenn man nicht an die Arbeit in einem Büro gebunden ist, bedeutet das, je produktiver man ist, desto weniger Zeit benötigt man für die Arbeit. Ein erheblicher Teil der Zeit, die Mitarbeiter bei der Arbeit verbringen, sind nur verschwendete Stunden. Sie sitzen da, weil sie es müssen. Klingt für die meisten von uns, die das Büroleben erlebt haben, offensichtlich, aber Manager und Entscheidungsträger haben Angst, es laut auszusprechen. Nachdem ich mehrere Bücher und Blogs über die Ideologie der Arbeit gelesen habe, hat mich die Idee der 4-Tage-Woche begeistert. Der nächste große Schritt war, meinem ersten Mitarbeiter die gleiche Freiheit zu ermöglichen. Seitdem möchte ich mit Blackbird gern zeigen, dass andere Arbeitsmodelle möglich und umsetzbar sind. Denn ein Umdenken ist dringend nötig. Viele aktuelle Studien zeigen, dass wir krank und unzufrieden werden. Und auch Unternehmen würden von einem Wandel nur profitieren: Menschen, die flexibler arbeiten können, sind glücklicher und motivierter. Flexible Arbeitsmöglichkeiten führen außerdem zu einem hohen Commitment. Es gibt weniger Fluktuation und krankheitsbedingten Ausfall. Innovationskraft und Produktivität steigen. Wir bekommen von Kunden oft sehr positives Feedback zum Engagement unseres Teams. Und ich persönlich freue mich über jede*n Mitarbeiter*in, der/die entweder nicht mehr pendeln muss, sich mehr um die Familie kümmern kann oder einfach mehr Zeit hat, sich anderen Projekten oder Hobbys zu widmen. Das sind die kleine Momente, die mich motivieren weiter zu machen.

„You don’t need to make work your life to do a great job.“ Das Zitat steht ganz oben auf eurer Website. Welche Voraussetzungen brauchen Mitarbeitende denn, um einen guten Job zu machen?

Mitarbeiter*innen brauchen Vertrauen und Transparenz. Bei uns sind alle Informationen für alle zugänglich und es gibt keine KPIs, die Konkurrenz zwischen Kolleg*innen erzeugen. Wenn Menschen sich wertgeschätzt fühlen und fair behandelt werden, dann möchten die meisten gute Leistung bringen. Vertrauen schenken ist ein sehr potentes Tool. Führung durch Angst ist nicht mehr zeitgemäß und gehört abgeschafft.
Man darf bei uns offen sagen, was man denkt. Das nimmt schon sehr viel Druck aus dem Team. Bei uns darf auch gesagt werden, dass Recruiting nur ein Job ist und nicht der Traumberuf. Das steht eher im Gegensatz zum aktuellen Trend, dass du deinen Job lieben muss. Trotzdem arbeiten wir absolut professionell und geben unser bestes – auch weil wir wissen, dass unser privates Leben mindestens den gleichen Stellenwert hat. Keiner von uns möchte 50-60 Stunden in der Woche für Arbeit opfern müssen. Die Möglichkeit, selbstbestimmt (auch zeitlich und örtlich) arbeiten zu können, erzeugt hohes Engagement. Wir übernehmen alle gerne die Verantwortung für unsere Arbeit. Dafür ist definitiv gegenseitiges Vertrauen der Schlüssel.

Blackbird Collective

Das Team des Blackbird Collective

Du renovierst gerade deinen eigenen Bauernhof in Brandenburg. Zwei weitere Mitarbeiterinnen von Blackbird wohnen in Dörfern in Brandenburg und Sachsen. Sieht so für dich die Arbeitswelt der Zukunft aus? Dass wir von überall aus arbeiten können?

Vielleicht nicht alle, aber viele Jobs könnten sehr viel flexibler gestaltet werden, wenn man sich nur traut. So könnten auch Arbeitgeber auf einen größeren Pool an potenziellen Mitarbeiter*innen zugreifen. Zudem spürt man aktuell die Tendenz, dass junge Leute wieder rausziehen wollen aus den Städten. Steigende Mieten, schlechte Luft, wenig Natur – so möchte nicht jeder leben. Was aber viele davon abhält, ist der Job – der Zwang, im Büro sitzen zu müssen. Am Ende ist es das Kapital, das entscheidet, wo wir wohnen und das Kapital konzentriert sich in den Städten. Dabei könnten Flexibilisierung und Ortsunabhängigkeit viele tolle Ergebnisse hervorbringen, auch auf sozialer Ebene: eine gesündere Gesellschaft, gemischte und lebendige Dörfer, weniger Pendelverkehr und so weiter. Wir brauchen mehr Unternehmer*innen, die sich dieser Verantwortung stellen und die Arbeitswelt umgestalten.

Die Datscha Fröhden in Jüterbog

Wie sieht für dich ein Unternehmen aus, das für die „Arbeitswelt von morgen“ gewappnet ist?

Es geht heute nicht mehr um Obstschale und Tischkicker. Unternehmen müssen sich inzwischen mehr überlegen, um (potentielle) Mitarbeiter*innen zu überzeugen. Zeit ist das neues Geld. Das dürfen Unternehmen heute nicht vergessen. Leider ist der Gedanke, dass mehr Stunden (und Anwesenheit) auch mehr Produktivität bedeuten in vielen Köpfen fest verankert. Wir optimieren uns selbst, um noch mehr zu schaffen, statt das System zu hinterfragen und so zu gestalten, dass es in unser Leben passt. Es gibt ja unzählige Studien, die zeigen, dass der Mensch nicht dauerhaft 8 Stunden am Tag kreativ und produktiv sein kann. Wir brauchen mehr Mut und auch mehr gesunden Menschenverstand.

Welche Chancen siehst du im aktuellen Wandel? Stichworte: New Work & Digitalisierung

Wir arbeiten aktuell einfach alle noch zu viel und sind gefangen in rein ökonomischem Wachstumsdenken. Ich hoffe, dass die Digitalisierung uns endlich peu à peu davon befreit und sich Mitarbeiter*innen mehr Freiheiten erkämpfen. Hoffentlich trägt Digitalisierung auch dazu bei, dass Unternehmen demokratischer werden und Profit fairer verteilt wird.

Vielen Dank für das spannende Interview!