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(Ver)Traut euch! – Diese 10 Kulturtechniken schaffen Vertrauen in der Krise

Der Wandel, über den seit Jahren diskutiert, philosophiert, geredet wird, der seit Jahren auch ZERredet wird, ist auf einmal da. Und das mit einer Wucht und Schnelligkeit, die viele überrascht hat. In guter Hinsicht, aber nicht nur. Denn die Erkenntnis, dass von jetzt auf gleich nichts mehr ist, wie es war, hat viele Menschen auch verunsichert. Selbst wenn ihnen insgeheim klar war, dass die Welt sich gerade fundamental verändert, so haben sie nun erstmals gespürt, wie diese Veränderung sie unmittelbar betrifft. Wegducken geht nicht mehr.

Wir alle mussten und müssen uns von Routinen verabschieden, von gefühlter Sicherheit und vom Gedanken, dass die anderen schon wissen, was zu tun ist – der Vorgesetzte, die Kollegin, die Expertin, der Vorstand. Egal auf welche Organisationsebene man schaut: überall waren und sind Menschen gezwungen, einfach mal zu machen, zu probieren, Gewohntes über Bord zu werfen und neue Wege zu gehen, ohne zu wissen, ob diese das gewünschte Ergebnis bringen.

Wer sich schon lange eine beweglichere, offene und digitale Arbeitswelt gewünscht hat, erlebt gerade eine Aufbruchstimmung. Bei anderen überwiegen Gefühle der Orientierungslosigkeit und Angst, wie es weitergeht. Worauf sollen sie vertrauen, wenn sich binnen weniger Tage oder Wochen alles ändern kann? Auf wen und was können sie bauen? Wird ihre Arbeit morgen noch gebraucht werden?

Vertrauen zu schaffen wird stärker als jemals zuvor zur Führungsaufgabe. Dabei geht es nicht darum, die Zukunft vorhersehen und bis ins Detail planen zu wollen, oder darum, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass alles gut wird. Oder so zu tun, als habe man für alle Fragen die Lösung parat. Vertrauen entsteht in erster Linie durch eine neue organisationale Kultur mit all ihren unterschiedlichen Facetten: neuen Verhaltens- und Gepflogenheiten, neuen Ritualen und Werkzeugen, einer neuen Art, miteinander zu kommunizieren – bis hin zu einer neuen Sprache.

Wie schaffen wir Vertrauen in der Krise? – Wir haben 10 Kulturtechniken für Unternehmen zusammengetragen.

1. Habt ein Ziel für in 20 Jahren, aber plant nur die nächste Woche.

Langfristige Strategien funktionieren in einer sich schnell wandelnden Welt nicht mehr. Organisationen sollten ihr übergeordnetes Ziel, ihren Purpose, kennen, also das, worauf sie hinarbeiten, was sie erreichen möchten, wozu sie tun, was sie tun. Wo möchten wir in 20 Jahren stehen? Der Weg dorthin darf und muss offen sein. Erlaubt euch, auf die Signale um euch herum zu hören, Veränderungen wahrzunehmen und euren Weg immer wieder neu auszurichten. Es ist ok, Ideen zu verwerfen, die sich vor einem Monat noch richtig angefühlt haben, aber unter den neuen Umständen nicht mehr zielführend sind. Arbeitet in zweiwöchentlichen Sprints, reflektiert und justiert und bleibt so maximal beweglich.

2. Setzt auf Kollaboration statt auf Konkurrenz.

Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung sind angesichts immer neuer Herausforderungen so wichtig wie nie zuvor. Niemand kann die Komplexität unserer Umwelt allein erfassen, geschweige denn händeln. Viele Köpfe und Hände sind hier gefragt. Belohnt das Miteinander und Mitarbeitende, die es gezielt fördern. Schafft Raum, um sich (digital) zu vernetzen, Kolleg*innen um Rat zu fragen und voneinander zu lernen. So entsteht nicht nur ein Bewusstsein für das eigene Können, sondern auch das der Kolleg*innen – und damit Vertrauen in die gemeinschaftliche Problemlösungskompetenz.

3. Setzt auf „learning on the job“ – so wie „damals“.

Erinnert ihr euch noch, als ihr von der Uni, Fachhochschule, Berufsschule kamt und das erste Mal im Unternehmen anwenden solltet, womit ihr euch jahrelang (theoretisch) beschäftigt habt? – Mal ehrlich, wie viel musstet ihr trotz fundierter Ausbildung neu lernen? Aus dem Kontext heraus? In der Zusammenarbeit mit Kolleg*innen? Vermutlich um die 80 Prozent.

Was ihr damals konntet – euch orientieren, reindenken, einarbeiten – könnt ihr auch heute noch. Nur müsst ihr es heute nicht nur einmal machen, sondern immer und immer wieder. Nehmt die Aufregung und das Kribbeln im Bauch an eurem ersten Arbeitstag mit in den Alltag! Seid offen für neue Erfahrungen und Learnings. Und stellt euch auch darauf ein, eure Kolleg*innen immer wieder neu „einzuarbeiten“ und sie mitzunehmen in Bereiche, die ihr euch bereits erschlossen habt. Ihr seid alle gemeinsam auf dieser Reise.

4. Seid authentisch.

Wir machen das hier auch das erste Mal. Und wir werden sicher nicht alles richtig machen. – Zwei einfache Sätze, die so viel bewegen können, wenn sie von Menschen kommen, die bisher als unverletzlich galten und deren Fähigkeiten sich niemand getraut hätte, in Frage zu stellen. Starke Führung in Krisenzeiten ist wichtig. Starke Führung bedeutet aber nicht, alles wissen zu müssen (de facto unmöglich!), sondern auf Basis unterschiedlicher Perspektiven und Meinungen von kompetenten Menschen eine Richtung vorzugeben. Dies setzt voraus, dass Raum für diese Perspektiven und Meinungen ist, dass Führungskräfte nachfragen, sich rückversichern und von Mitarbeitenden lernen, in dem Bewusstsein, dass sie eben nicht allwissend sind. Das ist der Kern eines „Vulnerable Leadership„, eines Führungsstils, der Stärke aus der Tatsache zieht, dass wir alle nur Menschen sind.

5. Durchmischt eure Gremien!

Nach wie vor sind Aufsichts- und Beiräte vor allem eines: wahnsinnig homogen. Meist sitzen dort Menschen, die nicht nur ein sehr ähnliches Wertegerüst haben, sondern auch ein ähnliches Verständnis von Technologie und ein ähnlich ausgeprägtes Bewusstsein für Trends. Und machen wir uns nichts vor: oft haben sie auch dasselbe Geschlecht und sind in etwa gleich alt. Nicht gerade die Mischung, die für Innovation steht. Unternehmen, die in Zukunftsfragen auf die Kompetenz ihrer Beiräte setzen, sollten diese möglichst heterogen besetzen: mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, vor allem aber auch mit Menschen, die sich für digitale Themen begeistern und sich damit auskennen. Die Dinge ganz neu und anders denken und den Mut haben, abseits bekannter Pfade zu laufen.

6. Schafft ein sicheres Arbeitsumfeld.

Auch digitale Räume müssen geschützte Räume sein. Umso wichtiger ist es, ein Bewusstsein für den ethischen Umgang mit Daten zu schaffen. Nutzt Tools, bei denen ihr sicher sein könnt, dass die Daten vertrauensvoll behandelt und verantwortungsvoll verarbeitet werden. Noch besser: Nutzt Tools, bei denen die Mitarbeitenden selbst in der Hand haben, welche Informationen sie teilen und welche nicht. Nichts schafft mehr Vertrauen als das Gefühl von Selbstwirksamkeit, von „Ich habe es in der Hand“!

Selbstwirksamkeit ist so wichtig wie nie zuvor – auch im Hinblick auf andere Bereiche, wie einen gesunden Umgang mit den eigenen Ressourcen. Die Verlagerung der Arbeit ins Home Office verleitet mitunter dazu, mehr zu arbeiten, als dem Körper gut tut. Nicht jeder kann mit der räumlichen Überlappung von Arbeitsraum und Lebensraum umgehen. Sprecht mit euren Mitarbeitenden, was sie brauchen, um gesund und produktiv arbeiten zu können. Es gibt keine One-fits-all-Lösung. Im Idealfall haben Organisationen ein Portfolio an Arbeitsumgebungen, aus denen Mitarbeitende je nach Bedarf und Teamkonstellation wählen können – ob Home Office, Bürozentrale, Coworking Space oder Satellite Office.

7. Handelt nachhaltig.

Covid-19 und Klimawandel sind die großen Themen unserer Zeit. Hier geht es ans Eingemachte, um unser aller Gesundheit und Zukunft und die unserer Kinder. Organisationen, die sich diesen Themen aktiv und lösungsorientiert stellen, schaffen Vertrauen. Nachhaltig zu handeln, sich mit dem eigenen Beitrag an der Klimaveränderung auseinanderzusetzen und gezielt gegenzusteuern, ist nicht nur global gesehen zwingend notwendig. Es gibt den Menschen, die für diese Unternehmen arbeiten, auch ein Stück weit Vertrauen zurück, dass wir es in der Hand haben, die Welt zum Positiven zu gestalten. Und das haben wir! Viele neu gegründete Unternehmen der vergangenen Jahre, die auf nachhaltige Produkte setzen, einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen pflegen und das Wohl ihrer Mitarbeitenden genau im Blick haben, zeigen, dass Nachhaltigkeit und Profitabilität wunderbar zusammengehen.

8. Bindet alle ein, die wollen.

Jeder Mensch möchte gehört und gesehen werden. Das gilt auch im Arbeitskontext. Es sind nicht nur die Lauten, die etwas zu sagen haben. Schafft Möglichkeiten, die ALLEN Mitarbeitenden die Chance geben, ihre Gedanken, Ideen und Wünsche einzubringen. Gebt und holt euch in kürzeren Abständen als sonst Feedback. Moderiert (virtuelle) Meetings so, dass jede*r zu Wort kommt. Macht regelmäßige Check-Ins und seid auf verschiedenen Kanälen ansprechbar. Eine Kultur der „offenen Tür“ muss auch im digitalen Raum gelten.

9. Macht euch die eigenen Handlungsmuster noch bewusster.

Gerade bei hybriden Arbeitsmodellen, bei denen Mitarbeitende frei zwischen remote work und Anwesenheit im Büro wählen können, müssen Führungskräfte noch bewusster reflektieren: Wem übergeben sie tendenziell mehr Verantwortung? Wen und was belohnen sie (unbewusst)? Kolleg*innen, die sie jeden Tag im Office sehen? Die „präsenter“ sind? Vermutlich. Schnell kann so ein Gefälle entstehen, das diejenigen bevorzugt, die immer greif- und sichtbar sind. Um das zu vermeiden, brauchen Führungskräfte neue Kriterien, mit denen sie Kompetenz und Eignung für bestimmte Aufgaben einschätzen. Denkt bewusst auch die Unsichtbaren mit!

10. Schafft „Werkstolz“.

Je stärker wir im digitalen Raum agieren, desto weniger greifbar wird das, was wir tagtäglich erschaffen. Am Ende eines langen Tages klappen wir den Laptop zu und sehen: nichts. Höchste Zeit den Impact, den jede*r Einzelne hat, sichtbar zu machen. Schafft bewusst Raum, um Erreichtes zu reflektieren, gemeinsam erarbeitete Lösungen und Erfolge zu feiern und besondere Leistungen einzelner Kolleg*innen herauszustellen. Arbeitet plastisch – mit Dummies, Prototypen, Bildern und lasst jede*n in der Belegschaft spüren: Das alles haben wir auch geschafft, weil DU richtig gute Arbeit gemacht hast.

 

Was schafft Vertrauen in der Krise? – Es ist vor allem das Bewusstsein, dass wir alle Teil des Wandels sind und es keine Patentrezepte gibt, wie die Dinge zukünftig zu laufen haben. Wir können einfach loslaufen und ausprobieren, denn sonst werden wir nicht erfahren, was funktioniert und was nicht.

Verena Pausder bringt es in ihrem neuen Buch „Das neue Land“ auf den Punkt:

“Das ist der Kern des Neuen Landes: Man wagt etwas, bevor man urteilt. Man probiert etwas aus, bevor man es schlecht redet.“

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