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Gesetz zum Mobilen Arbeiten: Warum wir (leider) mehr davon brauchen!

Corona als Treiber des längst überfälligen Wandels der Arbeitswelt – das hat man in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gehört. Klar ist, dass viele Unternehmen, ausgelöst durch den Lockdown, erstmals nennenswerte Erfahrungen mit mobilem Arbeiten gemacht haben. Viele waren überrascht, wie gut es funktioniert und wie sich der Wegfall von Dienstreisen und die Nähe zum Lebensmittelpunkt positiv auf die Produktivität auswirken. Und Führungskräfte haben erkannt, dass sie sich auf ihre Mitarbeitenden verlassen können, auch wenn diese nicht im Büro anwesend sind. Diese positiv besetzten neuen Erfahrungen sind ein wichtiger Baustein, auf dem Unternehmen neue Formen der Zusammenarbeit aufbauen können. Brauchen sie dann noch die Politik? Gesetzliche Regelungen, die in ihre unternehmerischen Entscheidungen eingreifen?

Die Frage, wieviel politische Einmischung in die Wirtschaft gut ist, kocht wieder hoch, seitdem sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil für ein Gesetz ausgesprochen hat, das jedem und jeder Beschäftigen 24 Tage Home Office im Jahr zugestehen soll. Gerade von Seiten der Arbeitgeber kommt Kritik an dem Vorschlag. Man brauche nicht noch mehr gesetzliche Auflagen, sondern mehr Freiheit, heißt es. Das wirft die Frage auf, wie Unternehmen ihr bisheriges Maß an Freiheit denn genutzt haben, um sich weiterzuentwickeln und mit der Zeit zu gehen, um besser zu werden in puncto Lebens- und Arbeitsqualität ihrer Beschäftigten, Chancengleichheit und Digitalisierung.

Gehen wir einen Schritt zurück und fragen uns: Wozu ist Politik da? – Letztendlich ist es ihre Aufgabe, das Zusammenleben in einer Gemeinschaft zu regeln. In einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft muss es Anspruch der Politik sein, ein gutes Miteinander aller Menschen sicherzustellen, unabhängig davon, welches Geschlecht sie haben und welche kulturellen Wurzeln, wen sie lieben und ob sie irgendeiner gesellschaftlichen Norm entsprechen. Um das zu erreichen, sollten politische Akteure die unterschiedlichsten Perspektiven aus Gesellschaft und Wirtschaft mit einbeziehen – und zwar zu gleichen Teilen. Guckt man sich die Realität an, funktioniert das selbst in demokratischen Gesellschaften wie unserer in Deutschland nur bedingt gut. Viele politische Maßnahmen, z.B. beim Verbraucherschutz oder in puncto Subventionen, zeigen sehr deutlich, dass im Zweifel die Gewinn-Interessen einzelner großer Unternehmen sehr viel schwerer wiegen als das Bedürfnis der Menschen nach einem guten Leben und einer lebenswerten Umwelt. Wirtschaft mag es nicht, wenn Politik sich einmischt – selbst mischen sie aber politisch ganz gern mit, wenn es darum geht, ihre Gewinne zu sichern.

Da liegt die Vermutung nahe, dass es vor allem die “Bewahrer” sind, die sich gegen ein Gesetz zum Mobilen Arbeiten aussprechen. Die Ängstlichen, die jede Veränderung fürchten, sofern diese nicht unmittelbar auf ihre Bilanz einzahlt. Diejenigen, die den Sturz aus dem sicheren Nest fürchten, das der hauseigene Lobbyist ihnen so schön bereitet hat.

Ein Home-Office-Gesetz als Fußfessel – ernsthaft? Wäre dieses Gesetz nicht viel mehr die so dringend benötigte Gehhilfe, die Unternehmen den Weg nach vorn weist und sie davor bewahrt, wieder in alte Muster zurückzufallen, sobald der Corona-bedingte Akutzustand überwunden ist? Die Vermutung liegt nahe, dass wer ein solches Gesetz fürchtet, sich insgeheim (oder offensichtlich) nach der „alten Normalität“ zurücksehnt. Allen anderen kann es schlicht egal sein. Fortschrittliche Unternehmen und echte Innovatoren interessieren sich herzlich wenig für ein gesetzliches Minimum (und nichts anderes sind die 24 Tage in dem Vorstoß von Minister Heil). Sie setzen seit Jahren auf Vertrauensarbeit, mobiles Arbeiten und Home Office und zeigen, dass es wunderbar geht, auch ohne Krise.

Dafür braucht es einen grundlegenden Kulturwandel in Organisationen. Diesen kann Politik nicht anordnen, aber sie kann ihn beschleunigen. Genau wie Naturkatastrophen uns dazu zwingen, unsere alten Denk- und Verhaltensmuster zu ändern, können auch gesetzliche Regelungen als Treiber wirken, wenn es darum geht, Strukturen zu überwinden, die sich eben nicht durch Lippenbekenntnisse und den ein oder anderen unterjährigen Agile-Workshop überwinden lassen. Es wird Zeit für Organisationen zu erkennen, wer ihre Gewinne erwirtschaftet – es sind die unzähligen Menschen, die jeden Tag ihre Zeit und Schaffenskraft zur Verfügung stellen. Unternehmen, die immer noch nicht erkannt haben, dass diese Menschen ihr wertvollstes Gut sind und dass sie als Arbeitgeber auch eine zwischenmenschliche Verantwortung haben, machen gesetzliche Regelungen für mehr Flexibilität auch im Jahr 2020 umso notwendiger. Diese Gesetze dienen in erster Linie den Mitarbeitenden in Unternehmen der „alten Normalität“ (und davon gibt es immer noch mehr als genug), und das nicht nur im Kleinen, sondern auch gesamtgesellschaftlich betrachtet. Denn im Zweifel ist es einfacher, Druck auf die Politik auszuüben als auf den einen Menschen an der Spitze der Pyramide, von dessen Goodwill der eigene Arbeitsplatz abhängt. Viele Organisationen funktionieren nach wie vor nach diesem alten Hierarchie-Muster und es wird höchste Zeit, dass sich das ändert.

Ginge es nach uns, darf und muss Politik sich noch viel stärker einmischen. Wir hätten da ein paar Vorschläge:

1. Recht auf schnelles Internet

Wenn wir wollen, dass Menschen ortsunabhängig arbeiten können, ohne dass die Qualität ihrer Arbeit leidet, muss Politik sicherstellen, dass in den Netzausbau investiert wird – und zwar in jedem Winkel des Landes. Jetzt!

2. Recht auf digitale Bildung

Der Grundstein für digitales Arbeiten wird in Schulen und an Universitäten gelegt. Wenn wir fortschrittliche und zukunftsgewandte Köpfe in Unternehmen wollen, die keine Angst vor Technologie haben, sondern sie zu nutzen wissen, um unser Leben besser zu machen, dann muss Politik den Weg frei machen für neue Bildungskonzepte – und zwar unbürokratisch und mit mehr Freiheiten für die einzelnen Schulen.

3. Neue Kriterien für erfolgreiche Politik und Wirtschaft

Wie läuft es in Deutschland? – Super, zumindest, wenn man sich das BIP anguckt. Das allein sagt aber nichts darüber aus, wie gut es den Menschen im Land wirklich geht. Wie (psychisch) gesund sind sie? Blicken sie optimistisch in die Zukunft? Wie gut geht es der Natur? Wie viele Väter nehmen Elternzeit? Gründen alle Menschen, die gute Ideen haben, oder trauen sie sich nicht? Wenn ja, warum nicht? Wir brauchen neue transparente Kriterien und einen offenen Austausch darüber – analog und digital!

4. Recht auf gleiche Bezahlung unabhängig vom Geschlecht

Das Transparenzgesetz von 2018 ist in seiner Umsetzbarkeit eine Zumutung und hat die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen nicht verändert. Wir brauchen ein echtes Gesetz, keinen zahnlosen Tiger. Island macht es vor. Lasst es uns nachmachen. Copy-paste. Weitermachen.

5. Echtes Gesetz für mehr Chancengleichheit

Der Fall Delia Lachance, Gründerin von Westwing, hat das Thema „Chancengleichheit“ erneut auf die mediale und damit hoffentlich auch auf die politische Agenda gerückt. Es ist das Jahr 2020 und Menschen, die einen Vorstandsposten haben, dürfen keine Pause machen – weder um sich um ein Baby zu kümmern, um eine eigene Erkrankung zu bekämpfen oder Angehörige zu pflegen. Auch ist Deutschland wieder mal globales Schlusslicht beim Thema „Frauen in Führungspositionen“, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Allbright Stiftung gezeigt hat. Gesetzliche Vorgaben, die auf Freiwilligkeit setzen, Zielvorgaben der Größenordnung Null erlauben und nur für eine handvoll Unternehmen gelten, haben sich als wirkungslos erwiesen. Also her mit der Frauenquote – und zwar auch für nicht-börsennotierte Unternehmen und deren Vorstände! Auch hier haben andere Länder längst gezeigt, dass sich ein Kulturwandel viel schneller einstellt, wenn gesetzliche Regelungen verkrustete Strukturen, in denen Männer nur ihresgleichen (be-)fördern, gezielt aufbrechen. In der Start-up-Welt nennen wir so etwas „Proof of Concept“. Funktioniert – also können wir es machen.

Fazit: Wenn in 2020 mehr Männer mit dem Namen Michael in Führungsverantwortung sind als Frauen, brauchen wir ein neues Gesetz. Wenn 2020 eine Michaela grundsätzlich weniger verdient als ein Michael, brauchen wir ein neues Gesetz. Und solange es Unternehmen gibt, die es als Problem erachten, ihre Mitarbeitenden auch nur einen einzigen Tag alle zwei Wochen außerhalb des Büros arbeiten zu lassen, brauchen wir umso dringender das von Bundesminister Heil angestoßene Gesetz zum Mobilen Arbeiten. Wenn Wirtschaft nicht möchte, dass Politik sich einmischt, muss Wirtschaft einfach mal besser werden. Menschenfreundlicher. Andere Länder und viele tolle zukunftsgewandte Unternehmen zeigen, dass es geht. Ist auch nicht patentiert – kann man einfach nachmachen. #einfachnachmachen

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