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Fachkräftemangel

Fachkräftemangel – wer fehlt hier und wenn ja, wie viele? Eine Übersicht 2014

Alle reden über ihn, viele fürchten ihn, manche sagen, er sei nur ein Hirngespinst. Was ist dieser Fachkräftemangel eigentlich genau – und gibt es ihn wirklich? Und wenn ja, wie gehen wir damit um? Eine Übersicht für das Jahr 2014.

„Als Fachkräftemangel bezeichnet man den Zustand einer Wirtschaft, in dem eine bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen für Mitarbeiter mit bestimmten Fähigkeiten nicht besetzt werden kann, weil auf dem Arbeitsmarkt keine entsprechend qualifizierten Mitarbeiter (Fachkräfte) zur Verfügung stehen.“

(Die Wikipedia Definition verrät leider auch nicht mehr als eine Definition eben verraten kann. Was eine „bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen“ ist, bleibt offen. Wer als „qualifizierter Mitarbeiter“ gilt, ebenfalls.)

Der Fachkräftemangel: Wir werden weniger!

Betrachtet man ganz nüchtern die Zahlen zum demographischen Wandel in Deutschland, ist nicht zu leugnen, dass es immer weniger Geburten und immer mehr alte Menschen gibt. Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er werden in den nächsten Jahren aus der Arbeitswelt ausscheiden – quasi gesammelt, mit einem Schwung. Die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird dadurch deutlich geringer, man spricht von einem jährlichen Verlust von 250.000 bis 300.000 potentiellen Erwerbstätigen, von einer Arbeitskräftelücke von 5,5 Millionen Personen im Jahre 2030 (Sentiso, 2011; Beruf und Familie, 2011).

Trotzdem gibt es Leute – und gar nicht mal so wenige – die sagen, dass es keinen Fachkräftemangel gebe, dass er ein Mythos sei.

Mehr Zuwanderer – aber nicht genug

Manche Kritiker halten beispielsweise dagegen, dass eine steigende Anzahl von Zuwanderern die sinkende Geburtenrate deutlich abschwäche und dadurch im Endeffekt gar nicht so viele Fachkräfte fehlen, wie stets behauptet wird. Tatsächlich stieg die Zahl der Zuwanderer auf den höchsten Wert seit fast 20 Jahren. Insgesamt kamen 1.081.000 Menschen nach Deutschland. Zieht man allerdings die Personen ab, die wiederum aus Deutschland weggezogen sind, bleibt ein sogenannter Wanderungsüberschuss von 369.000 Menschen (Tagesschau, 2013). Eine Lücke von 5,5 Millionen Menschen füllt dieser Wanderungsüberschuss nicht.

Kein Pauschal-Mangel

Weitere Stimmen sagen, dass der Fachkräftemangel keineswegs ein flächendeckendes Phänomen sei, wie uns oft suggeriert wird, sondern dass er nur einzelne Bereiche, Regionen und Unternehmensgrößen betreffe. Und in der Tat lässt sich der Fachkräftemangel nicht pauschalisieren: Es gibt Berufsfelder, die stärker betroffen sind als andere (Ingenieure, IT-Entwickler, Hörgeräteakustiker und Altenpfleger zum Beispiel) (FAZ, 2014), in ländlichen Gegenden ist der Mangel stärker spürbar als in den Großstädten und der Mittelstand leidet gerade schon wesentlich stärker als die großen namhaften Unternehmen.

Viele Unbekannte

Außerdem gibt es viele Unbekannte im Rätselraten um das Ausmaß des Fachkräftemangels. Das hat ganz grundlegend mit Mathematik zu tun und vor allem mit der Unmöglichkeit, Zukunftsentwicklungen sicher vorherzusagen. Niemand weiß, wie viele Ingenieure in 5 Jahren tatsächlich fehlen werden. Weil nirgendwo zentral erfasst ist, wie viele freie Stellen es gibt. Weil niemand sicher weiß, wie viele Ingenieure gerade arbeitslos sind, wie viele demnächst in Rente gehen werden, wie viele Absolventen nachkommen, welche Arbeit uns in Zukunft von Maschinen abgenommen wird.

Fachkräftemangel = Fachkräftenachfrage – Fachkräfteangebot, so einfach ist die Rechnung leider nicht (Zeit, 2012).

Nie perfekter Fit von Angebot und Nachfrage

Hinzu kommt, dass ein optimales Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage höchstens im Lehrbuch besteht. Das macht das Beziffern eines Mangels – und vor allem dessen Kommunikation! – ungleich schwieriger. So ist es zum Beispiel möglich, dass einerseits Fachkräftemangel und andererseits Arbeitslosigkeit besteht. Knapp 20.000 Ingenieure waren beispielsweise in 2012 in Deutschland arbeitslos gemeldet. Gleichzeitig werden sie gesucht wie kaum eine andere Berufsgruppe (Zeit, 2012).

Der gefühlte Mangel

Natürlich hat ein Mangel auch immer eine sehr subjektive Komponente. Wann fehlt es uns wirklich an etwas, wann empfinden wir etwas als Mangel? Kann man vom Fachkräftemangel nur dann sprechen, wenn sich auf eine Stelle kein einziger Bewerber meldet? Oder kein einziger passender? Oder bereits dann, wenn die Anzahl der Bewerbungen zurückgeht?

Viele Firmen merken derzeit einen Rückgang der Bewerbungen, finden nicht mehr die passenden oder die besten – (auch das ist sehr subjektiv) – Kandidaten. Das verstärkt ihren Eindruck, dass Fachkräftemangel herrscht. Vor allem junge Menschen tragen zu diesem Gefühl bei: Sie werden zunehmend selbstbewusster, fordern andere Arbeit, sind weniger schnell zu beeindrucken. Sie verlangen Transparenz und Flexibilität, fragen nach Werten, beurteilen Arbeitgeber im Internet. Das dreht das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis um. Eine Stelle auszuschreiben und zu warten, dass sich die Besten der Besten bewerben, das funktioniert nicht mehr. Selbst die Großen merken das langsam (Wiwo, 2014).

Fazit: Was können wir tun?

Den Fachkräftemangel gibt es nicht. Pauschalisierungen sind hier, wie in fast allen Bereichen, fehl am Platz. Trotzdem mangelt es ganz offensichtlich an Fachkräften, in vielen Bereichen, in vielen Regionen, gerade im Mittelstand, aber auch bei den ganz Großen und den ganz Kleinen. Das ist schon jetzt stark spürbar und wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken, wenn die Babyboomer gesammelt in Rente gehen.

Der demographische Wandel ist bereits im Gange –  und wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr aufhalten oder abbremsen lassen. Natürlich könnte etwas absolut Unerwartetes passieren, die Geburtenraten könnten unverhofft enorm ansteigen, eine Katastrophe oder ein Krieg könnten die Bevölkerungsstruktur massiv verändern und alle Überlegungen hinfällig machen – aber wie wahrscheinlich ist das? Und wollen wir damit rechnen?

Es ist eine Tatsache, dass aktuell weniger Nachwuchs nachrückt, wodurch zwangsläufig eine Fachkräftelücke entsteht. Zuwanderer können das Loch ein wenig, aber sicher nicht vollständig stopfen. Sie können nicht aufhalten, was sich schon deutlich abzeichnet, nämlich dass Menschen – sicherlich auch ermutigt durch den demographischen Rückenwind – „andere“ Arbeit fordern.

Wir sollten also agieren, uns vorbereiten. Die Potentiale, die wir in unserer Gesellschaft haben, besser nutzen: auf die Erfahrung Älterer bauen zum Beispiel, Frauen den Wiedereinstieg wirklich (!) erleichtern, flexiblere Arbeit für alle ermöglichen und unser Wissen über Produktivität nutzen, um tatsächlich produktiver zu sein.

Es gibt vieles, was wir tun können.

Vor allem können wir die Muster durchbrechen, die dazu führen, dass wir erst handeln, wenn es schon weh tut.

Es sollte keinen „Krieg“ brauchen, um umzudenken.

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