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#diversitymatters – „Vielfalt ist kein neues Thema, sondern die Grundlage unseres Lebens.“ Interview mit Ali Mahlodji

© Martina Draper

Ali Mahlodji war Flüchtling, Schulabbrecher und hatte über 40 Jobs. Er ist Gründer von WHATCHADO, EU Jugendbotschafter und versucht die Welt zu retten. Ali hat mit fast 5000 Menschen aus 100 Nationen gesprochen, 2017 hat er sein Buch „Und was machst Du so?: Vom Flüchtling und Schulabbrecher zum internationalen Unternehmer“ veröffentlicht und in seinem „New Work Report 2019“ die spannende Welt von New Work unter die Lupe genommen. Ali hält regelmäßig Vorträge, um Menschen zu inspirieren und sie zum Denken anzuregen. Wir haben mit ihm über Diversity, New Work und Potentiale gesprochen.

Diversity ist momentan in aller Munde. Jenseits des Buzzword-Bingos – was bedeutet für dich persönlich Diversität?

Diversität bedeutet für mich zu akzeptieren, dass Vielfalt die Grundlage unseres Lebens ist. Kein Mensch hat sich die Hautfarbe, die Haarfarbe, das Geschlecht, das eigene Alter, den eigenen Vornamen oder wen wir lieben ausgesucht. Das sind Dinge, die angeboren sind und die in uns drinnen sind. Deswegen ist Vielfalt eigentlich auch kein neues Thema, sondern eben die Grundlage unseres Lebens. Es wundert mich immer wieder, dass Unternehmen heute erst darauf kommen, dass Diversity – oder die Akzeptanz von Vielfalt – überhaupt ein Thema in der Arbeitswelt sein könnte. Ich frage mich dann oft, wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter, ihre Mitmenschen bisher überhaupt gesehen haben.

Du sprichst sehr viel mit Jugendlichen. Wie wichtig sind diverse Vorbilder (mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen)?

Die Wahrheit ist, dass Diversität nichts anderes ist, als die Abbildung des echten Lebens da draußen. Wir sind alle ein kleines Puzzlestück aus über sieben Milliarden Teilen, die zusammen ein Meisterwerk namens Leben ergeben. Gerade für die jungen Menschen sind Vorbilder sehr wichtig. Gar nicht um in ihre Fußstapfen zu treten, aber um zu sehen, was alles möglich ist. Das Problem ist, dass wir als Kinder und junge Menschen die Welt oft nur durch die Augen unserer Eltern erfahren oder durch die Augen unserer Lehrer. Die meinen es zwar alle sehr gut mit uns, gleichzeitig, und so ehrlich müssen wir sein, sprechen Erwachsene aber immer nur über das Wissen ihrer Vergangenheit. Kein Elternteil, kein*e Lehrer*in kennt alle Wege oder Jobmöglichkeiten dieser Welt. Erst wenn Jugendliche durch die Brille anderer Menschen erleben, wie diese ihr Leben leben oder gelebt haben und sehen, erst dann haben sie die Möglichkeit, für sich selbst die Entscheidung zu treffen, wer sie sein wollen. Und vor allem: je mehr ich durch Vorbilder die Welt entdecke, desto weniger Angst habe ich auch, meinen eigenen Weg zu gehen. Denn wenn man mit vielen verschiedenen Menschen spricht, wird man schnell sehen, dass es kein Rezept für ein gutes Leben gibt. Die wirklich zufriedenen Menschen sind immer die, die am Ende des Tages sagen: Ich habe nicht planen können, wo ich in 30 Jahren stehe, aber solange ich mir treu geblieben bin, konnte ich immer mein eigenes und ein gutes Leben führen.

Was hat dir dabei geholfen, deinen Platz in der Arbeitswelt zu finden? Und welchen Rat gibst du heute jungen Menschen?

Irgendwo tief in mir drin, habe ich immer gewusst, dass es irgendwas da draußen für mich geben wird, das genau meins ist. Vielleicht kommt diese Zuversicht von meinen Eltern, die bedingungslos an mich geglaubt haben. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: „Egal wie schlecht deine Noten sind, du wirst deinen Weg gehen.“ Was mir wirklich geholfen hat, war alles auszuprobieren. Und das ist auch mein Rat an junge Menschen. Wir haben auf der Welt 100.000 Jobtitel, von denen es die Hälfte vor zehn Jahren nicht gab und alle Forscher wissen jetzt schon, dass es 65 % aller Jobs, die wir in den nächsten sieben bis zehn Jahren machen werden, jetzt noch gar nicht gibt. Erwachsene sagen oft, dass sie erst mit etwa 30 Jahren halbwegs gewusst haben, wer sie überhaupt sind. Von daher würde ich Jugendlichen auch immer raten, sich nicht zu stressen, sondern den Möglichkeiten und Aufgaben, die sich ergeben, eine echte Chance zu geben. Und wenn sie merken, dass sie dort nicht wachsen können oder nicht hingehören, auch den Mut zu haben, weiterzuziehen. Heißt: probieren, probieren, probieren – und dabei ganz viel über sich selbst lernen, um dann herauszufinden, wer man sein will und vor allem, wer man nicht sein möchte.

Du hast den „New Work Report 2019“ veröffentlicht. Welche Chancen siehst du in der sich wandelnden Arbeitswelt – vor allem in Bezug auf Diversität?

Die größte Chance, die ich aktuelle sehe, ist, dass wir es wieder schaffen, die Generationen in Unternehmen zu verbinden. Wir hatten noch nie so viele Generationen unter einem Dach wie heute. Egal, wie wir sie nennen wollen (Generation Y & Co.), es sind letztendlich Menschen, die auf den Arbeitsmarkt kommen und dort in Teams kollaborativ arbeiten. Wir sehen bei Unternehmen wie Bosch oder Siemens, dass sie zum Teil Pensionisten wieder in die Teams holen, damit die jungen Mitarbeiter*innen von ihnen lernen können – Dinge, wie Gelassenheit und Geduld. Vielen jungen Mitarbeiter*innen fehlen diese Dinge heute, da sie in einer schnelllebigen Social Media-Welt groß geworden sind. Da und auf anderen Gebieten ergänzen sich junge und ältere Mitarbeitende wahnsinnig gut.

Auf deiner Website steht „möchte er Menschen weltweit inspirieren, in dem er aufzeigt, worauf es im Leben, im Business und im schnellen Wandel der Welt ankommt.“ Worauf kommt es an?

Das ist eine gute Frage. Menschen müssen erkennen, dass wir all die Dinge, die wir benötigen, bereits in uns tragen. Wir haben alles, um unser Leben und den Wandel zu meistern. Die Antworten liegen niemals draußen, sondern immer in unserem System – das gilt für Menschen und auch für Organisationen. Auch Jugendliche tragen bereits einen angeborenen inneren Kompass in sich, den sie noch entdecken müssen. Und Unternehmen, die gerade im Wandel stecken, müssen es schaffen, Wissensressourcen zu entdecken und zu nutzen. Sie müssen Menschen inspirieren und verbinden.

Das alles vergessen Menschen heute oft. Wir werden ständig abgelenkt und suchen die Antworten draußen, dabei sind sie längst da.

Danke für das spannende Interview!

Lesen Sie hier mehr über die Diversity-Reihe von Babbel und Tandemploy.