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#diversitymatters – „Hier muss noch viel mehr passieren.“ Interview mit Ninia LaGrande

© Simona Bednarek

Ninia „LaGrande“ Binias (*1983) lebt und arbeitet in Hannover. Sie schreibt für verschiedene Medien, moderiert Veranstaltungen und tritt als Slam Poetin auf. Sie moderiert eigene Fernseh- und Podcastformate und ist regelmäßiger Gast bei Kabarett- und Comedysendungen. Außerdem schreibt sie Kolumnen und Texte für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Portale – u.a. Redaktionsnetzwerk Deutschland, Missy Magazin, leidmedien.de, taz. Ninia moderiert Kongresse, Veranstaltungen, Festivals und zahlreiche weitere Formate live oder vor der Kamera. Sie ist sie Geschäftsführerin der Büro für Popkultur GmbH, die 2017 als „Kreativpiloten Deutschlands“ ausgezeichnet wurde. Ehrenamtlich führt sie den Vorsitz des Beirates zur Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt 2025. Ninia ist außerdem aktive Feministin und setzt sich seit Jahren für Inklusion ein. Viele gute Gründe, mit Ninia über Diversität in der Arbeitswelt zu sprechen.

Ninia, du hast eine Körpergröße von 1,38 m und giltst im medizinischen Sinne damit als kleinwüchsig. Eigentlich denkt man, dass dieser Umstand an sich im Jahr 2019 nicht weiter erwähnenswert wäre. Ist er aber scheinbar. Du hast ja schon 2014 in deinem Buch „… und ganz, ganz viele Doofe!“ die zum Teil aberwitzigen Reaktionen von Menschen auf deine Körpergröße in Geschichten verewigt. Gibt es auch Geschichten/Situationen aus deinem Berufsleben, die zeigen, wie wichtig die Themen Diversität und Inklusion 2019 nach wie vor sind?

Nach meinem Studium habe ich ein Volontariat in der Unternehmenskommunikation gemacht und danach einige Jahre als Redakteurin und im Bereich Online Marketing/Social Media gearbeitet. Für mich persönlich gab es da wenig Hürden – sowohl in Bewerbungen als auch im Arbeitsalltag. Tatsächlich war ich aber immer die einzige mit einer sichtbaren Behinderung. Das ist natürlich schon kurios. Dadurch habe ich mir irgendwann die Frage gestellt, wo eigentlich die anderen sind und was mich gegebenenfalls von ihnen unterscheidet – hier ist natürlich Privilegien ein großes Stichwort. Mit meiner Selbstständigkeit rückte meine Kleinwüchsigkeit mehr in den Mittelpunkt. Ich habe heute immer noch ab und an das Gefühl, als „Quotenbehinderte“ gebucht zu werden – als Moderatorin und auf Podien. Ich bin gut in meinem Job, aber ich bin auch da oft die einzige mit Behinderung. Und wenn ich als so eine Person eine Veranstaltung über Inklusion moderiere, läuft etwas falsch. Wo sind all die anderen? Gerade in dem Bereich gilt „nicht über uns, mit uns“. Außerdem ist es ja immer noch so, dass zahlreiche Unternehmen sich von ihrer „Quote“ lieber freikaufen als Stellen für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Ihnen ist nicht klar, dass alle Mitarbeitenden von einem diversen Umfeld nur profitieren können – beruflich und menschlich. Das müsste viel stärker reguliert und bestraft werden. Inzwischen gibt es zwar Menschen, die für Diversität in Unternehmen zuständig – dabei geht es aber oft nur um Frauenförderung, das kratzt 2019 leider nur an der Oberfläche von Vielfältigkeit und hat mit Inklusion gar nichts zu tun. Hier muss noch viel mehr passieren.

Diversity ist momentan in aller Munde. Jenseits des Buzzword-Bingos – was bedeutet für dich persönlich Diversität?

Diversität bedeutet die Sichtbarkeit und Sichtbarmachung von unterschiedlichen Menschen und Gesellschaftsformen. Diversität ist nicht automatisch vorhanden, sondern muss immer eingefordert und gefördert werden. Diversität ist sichtbare Gleichberechtigung aller Geschlechter – unabhängig von Behinderung, Herkunft, Religion, Klasse usw.

Menschen ohne Behinderung sind oft unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Welche Tipps hast du?

Sprechen. Kommuniziert eure Unsicherheit. Fragt, was ihr wie richtig machen könnt. Und vermeidet Euphemismen. Nichts wird besser, wenn man es nicht benennen kann. Außerdem: Respektiert Antworten. Wer keine Hilfe benötigt, kann das kommunizieren.

Wie können wir unsere Arbeitswelt diverser und inklusiver machen? Und wie kann jeder von uns täglich dazu beitragen?

Indem wir Förderschulen und Werkstätten abschaffen und aufhören, auf dem Rücken von Menschen mit Behinderung eine Wohlfahrtsindustrie am Laufen zu halten. Indem wir uns politisch und aktiv dafür einsetzen, Menschen mit Behinderung Möglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Indem wir zum Beispiel viel mehr über Job Carving Prozesse Stellen schaffen – diverse Teams bilden und Diversität aktiv einfordern. Indem wir Fragen stellen: Warum sind wir so ein homogenes Team, wie können wir das verändern, was würde uns das bringen? Indem wir uns selbst die Frage stellen, wie divers unser Umfeld ist und warum wir Angst vor Veränderung haben.

Eine Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt sind, beginnt schon bei den Kleinsten. Wie muss sich unser Bildungssystem ändern?

Meine Utopie ist, dass wir den Begriff „inklusiv“ bei Kindergärten und Schulen irgendwann nicht mehr brauchen. Allerdings ist unser Bildungssystem so alt und verkrustet, dass wir eine grundlegende Sanierung und Änderungen bräuchten – im System und in der Ausbildung von Pädagog*innen und Lehrkräften. Wer – wie wir in Deutschland – so sehr an Separation und Elitenförderung festhält, kann keine inklusive Schullandschaft erwarten. Wir brauchen wesentlich mehr Geld für mehr Fachkräfte und Räume. Kleinere Klassen, individuellere Unterrichtsformen und Lehrer*innen-Teams in Klassenräumen – zum Beispiel wie in Kanada. Wir brauchen Eltern und Lehrkräfte, die akzeptieren, dass Inklusion ein Menschenrecht ist – für alle Menschen, nicht nur für Menschen mit Behinderung. Wir müssen weg vom Wettbewerb um die besten Noten, den aussichtsreichsten Studienplatz und die schnellste Ausbildung, hin zu Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung.

In den letzten Jahren hat sich im Netz und in der Arbeitswelt gefühlt viel für Frauen getan. Empfindest du das auch so? Und was sind für dich aktuell die wichtigsten Themen des Feminismus?

Im Netz hat sich insofern viel für Frauen getan, als das als Frau gelesene Menschen immer noch und immer mehr belästigt, gestalkt und mundtot gemacht werden. Die Barrieren sind noch niedriger als offline. Das ist frustrierend und zeitraubend. Nichtsdestotrotz haben sich online gleichzeitig eine große Solidarität, Meinungsvielfalt und Support entwickelt – was sich auch offline auswirkt. Feminist*innen vernetzen sich, diskutieren und unterstützen sich gegenseitig. Für mich ist „Feminismus“ eine Heimat, ein Wort für all die Dinge, die ich politisch und gesellschaftlich erreichen möchte. Vor allem in den letzten Jahren habe ich aber das Gefühl, dass wir einem Rollback ausgeliefert sind – Europa rückt nach rechts, Familien-, Frauen- und Körperpolitik wird immer konservativer und gleichzeitig werden viele Feminist*innen (mich eingeschlossen) müde und frustrierter. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht aufgeben.

Auch in der Arbeitswelt geht es für meine Begriffe zu langsam voran. Wir diskutieren immer noch über Quoten für Chef*innenetagen, anstatt mal darüber nachzudenken, wer überhaupt eine gute Bildung, Ausbildung und Studium genießen darf. Wer überhaupt Zugang zu Arbeitsplätzen hat. Immer noch werden Väter gefeiert, wenn sie auf die wilde Idee kommen, mehr als zwei Monate Elternzeit zu nehmen – ich aber werde gefragt, wo mein Kind sei, wenn ich zwei Monate nach der Geburt wieder arbeite. Und egal, für welche Variante sich Frauen entscheiden – sie müssen sich entscheiden und bei ihnen liegt, egal was sie tun, immer noch die meiste Organisations- und Care-Arbeit (Stichwort Mental Load).

Es gibt für mich nie DIE wichtigsten Themen des Feminismus. Es gibt ja auch nicht den Feminismus. Feministische Politik und Forderungen haben Einfluss in alle Lebensbereiche und alle Themen. Aktuell möchte ich aber die wirklich rückständige Politik rund um Schwangerschaftsabbrüche hervorheben und alle intersektionalen Fragen. Ich habe das Gefühl, im medialen und gesellschaftlichen Diskurs dreht sich alles immer nur im Kreis und immer nur um weiße Karrierefrauen, die sich zum Muttertag über einen Wellnessgutschein freuen. Wir müssten längst darüber hinaus sein und die Themen von nicht-binären und trans Menschen, Menschen mit Behinderung, People of Color, Schwarzen Menschen, Muslim*innen in den Vordergrund stellen.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Lesen Sie hier mehr über die Diversity-Reihe von Babbel und Tandemploy.

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