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#ChangeAgent Heike Gäbler: „Komplexität lässt sich nie mit Einseitigkeit beantworten.“

Heike Gäbler ist Gründerin der Initiative Female Co-Founders, die für mehr Vielfalt in Gründungsteams, insbesondere im Deutschen Startup-Ökosystem sorgt. Im Vordergrund stehen dabei Networking-Möglichkeiten für Frauen und Männer, die auf der Suche nach einer weiblichen Mitgründerin sind. Vor dem Hintergrund unseres Fokusthemas in dieser Woche – „Emotionale Agilität“ – haben wir Heike zu ihrer Perspektive gefragt: Wie steht sie zu der weit verbreiteten Annahme, dass Frauen es besser verstehen, ihre Emotionen im Arbeitskontext zu zeigen und zu nutzen?

Liebe Heike, wir sprechen diese Woche über Emotionen und ihre Bedeutung für gute Führung und Innovation in Organisationen. Empathie, Zugewandtheit und Reflektionsvermögen als neue Leadership-Skills – das sind Fähigkeiten, die oft eher Frauen zugeschrieben werden. Sind Female Leader die ideale Besetzung, um Organisationen durch diese komplexe Welt zu steuern?

Einer komplexen Welt begegnet man meiner Ansicht nach am besten mit einem diversen Team, das in der Lage ist, vielfältige Perspektiven abzubilden und benötigte Kompetenzen zu vereinen. Denn Komplexität lässt sich nie mit Einseitigkeit beantworten. Emotionalität spielt dabei, neben anderen Fähigkeiten, eine bedeutsame Rolle. Sie heißt für mich vornehmlich, Zugang zu den eigenen und den Gefühlen anderer zu haben und diese sinnvoll einzusetzen. Sie ist für mich eine Einstellung, die auf Bildung und Auseinandersetzung basiert, was im Umkehrschluss bedeutet, dass alle Menschen über eine effektive Emotionalität verfügen können und diese nicht weibliches Hoheitsgebiet ist.

Du bringst mit deinem Netzwerk „Female Co-Founders“ bewusst mehr Weiblichkeit in die Arbeitswelt. Wonach suchen Menschen, die in deinem Netzwerk sind? Welche Skills sind besonders gefragt? Und sind es eher Männer oder Frauen, die bewusst mit Frauen zusammenarbeiten möchten – und wenn ja, worin siehst du hier die Gründe?

Female Co-Founders bringt Frauen in die Gründungsteams von Startups und erhöht so die Anzahl weiblicher und gemischter Gründungsteams. Diese Zahl liegt derzeit bei nur ca. 30 Prozent. Menschen, die zu Female Co-Founders kommen, bringen eine bestehende Gründungsidee mit und suchen dafür gezielt nach einer weiblichen Mitgründerin. Dabei wird zunächst nach harten Kriterien, wie dem fachlichen Hintergrund, gefiltert. Im Kontext Co-Founding sind Marketing und Tech besonders gefragt. Über der Suche von männlichen Gründern nach einer weiblichen Mitgründerin schwebt natürlich auch die Hoffnung, die Versprechen von Diversität einzulösen – wie mehr Innovationsfähigkeit, Kreativität und Wettbewerbsstärke. Diese Teams möchten ihre Unternehmenskultur von Anfang an und von der ersten Führungsriege aus entsprechend prägen. Aber auch das Produkt oder die Dienstleistung selbst kann es erfordern, eine Frau ins Gründungsteam zu integrieren. Gerade Frauenprodukte (z.B. Female Health) oder Dienstleistungen, die oft von Frauen eingekauft werden (z.B. HR), machen eine Frau im Gründungsteam sinnvoll bis erforderlich. Aber es gibt auch Frauen, die mit ihresgleichen gründen wollen, weil sich Gleich gern mit Gleichem gesellt. Letztlich ist das auch einer der Gründe für die 70 Prozent rein-männlichen Gründungsteams.

Netzwerke rund um „Female Empowerment“ sind in den vergangenen Jahren fünf Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wenn du eine Zwischenbilanz ziehst: Inwieweit haben sie unsere Arbeitswelt spürbar verändert und wo ist noch viel zu tun?

Im Gründungskontext sehe ich immer mehr Frauen, die Startups aufbauen – gerade in meiner Bubble. An Universitäten fallen mir – zumindest in Berlin – mehr weibliche und diverse Teams auf. Das ist u.a. ein Verdienst von Netzwerken und Programmen zur Gründungsförderung speziell für Frauen. Aber ich sehe auch Medien, die Newsletter zum Thema Startup versenden, in denen nur Stories und Fotos mit männlichen Gründungsteams auftauchen und auch, dass universitäre Gründungsservices in anderen Regionen weiterhin fast ausschließlich männliche Gründungsteams produzieren. Deswegen: Es ist weiterhin Arbeit, die hier geleistet werden muss, mit dem Fokus auf Kooperationen zwischen Netzwerken und inklusiven Angeboten für Frauen und Männer. Denn es ist kein „Wir gegen die Anderen“, sondern ein „Gemeinsam für die Gesellschaft“. Außerdem ist es wichtig, auf eine Sensibilisierung weit über die Grenzen der Startup-Hotspots in Deutschland, wie Berlin, und auf eine zunehmende Differenzierung von Frauen zu achten. Denn Frau ist nicht gleich Frau. Frau ist Gründerin, Angestellte, Fachexpertin, Generalistin, Technikerin, Managerin, Philosophin, Politikerin, Künstlerin – eine jede mit ganz eigenen Herausforderungen, Bedürfnissen und Wünschen.

Vielen Dank für deine inspirierenden Gedanken, Heike!

In unserer Rubrik #ChangeAgents stellen wir Menschen und Unternehmen vor, die uns ermutigen, etwas anzupacken und zu verändern. Starke Köpfe, die sich mit viel Leidenschaft für eine menschlichere Arbeitswelt einsetzen, die ein Umdenken in Gang bringen und Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten. Unsere #ChangeAgents sind Vorbilder, Querdenker*innen, Multiplikator*innen und Andersmacher*innen.

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