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Social Distancing als Unternehmenskultur? – Rückt zusammen, jetzt erst recht!

Social Distancing gibt es nicht erst seit Corona. In vielen Unternehmen ist das “auf Abstand halten” Teil der Unternehmenskultur. Was soziale Isolation mit den Menschen macht, ist nun durch Covid-19 und seine Folgen stärker in den Fokus gerückt. Endlich, möchte man fast sagen! Denn von anderen Menschen abgeschnitten zu sein kann dem Einzelnen genauso schaden wie der Organisation als Ganze. Wer keinerlei Verbindung zu Kolleg*innen oder zum Unternehmen spürt, wird vielleicht halbwegs gut „abarbeiten“, aber wenig Motivation spüren, mitzudenken und kreativ zu werden, um die besten Lösungen zu finden, die die Organisation weiterbringen. Eine Gallup-Studie hat gezeigt, dass Mitarbeitende, die einen guten Freund im Unternehmen oder starke Verbindungen zu Kolleg*innen haben, eine 7-fach höhere Wahrscheinlichkeit haben, sich für die Organisation zu engagieren als Menschen, die sich im Job einsam fühlen.

Doch was heißt “einsam” eigentlich im Arbeitskontext? Ist jede*r, der oder die einer kleinen, abgeschlossenen Abteilung zugeordnet ist und im Einzelbüro Excel-Tabellen bearbeitet automatisch einsam?

Natürlich nicht. Einsamkeit ist ein Gefühl ist, das sich bei Menschen auf ganz unterschiedliche Weise und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen einstellt. Im Arbeitsumfeld ist sie oft das Ergebnis fehlender Befugnisse, Möglichkeiten und Kanäle, mit anderen in Kontakt zu treten. Und damit von Strukturen, die – bewusst oder unbewusst – zu sozialer Isolation führen. Man könnte sagen, starre Hierarchien und Abteilungsgrenzen haben vielerorts zu einer Unternehmenskultur des Social Distancing geführt.

Wie können Unternehmen diese durchbrechen?

Erstens: Indem sie es wirklich, wirklich wollen. Und indem sie bereit sind, an den bestehenden Strukturen wirklich wirklich etwas zu verändern. Das setzt die Bereitschaft voraus, Kontrolle abzugeben, denn im Gegensatz zu Einzelkämpfer*innen wird sich ein Netzwerk mit hunderten Knotenpunkten, Kreuzungen und Synapsen der Steuerung durch eine einzelne Person (oder einige wenige) ziemlich schnell entziehen.

Zweitens: Indem sie nicht die eine große Teambuilding-Maßnahme abhalten, sondern Interaktionsmöglichkeiten für ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Charaktere schaffen. Denn wie groß der Wunsch nach Austausch ist und wie dieser am liebsten passiert, ist individuell verschieden. Menschen, die eher introvertiert sind, brauchen und genießen Phasen der Ruhe und des Alleinseins, um neue Energie zu tanken und daraus Kreativität zu schöpfen. Eher extrovertierte Mitarbeitende haben die besten Ideen dagegen im intensiven Austausch mit anderen. Ihr Energielevel steigt mit dem Grad an Interaktion. Wieder andere haben vielleicht Barrieren, die es ihnen nicht ohne Weiteres ermöglichen, locker mit Kolleg*innen oder Führungskräften zu sprechen und sich einzubringen. So hat SAP beispielsweise ein spezielles Mentoring-Programm für Menschen mit Autismus: ein Mentor oder eine Mentorin unterstützt Kolleg*innen mit besonderen Herausforderungen dabei, ihre Ideen im Team und an die Vorgesetzten zu kommunizieren. Dass das wunderbar und erfolgreich funktioniert, zeigt das Beispiel von Nicolas Neumann, der über das “Autism at work”-Programm zu SAP kam und für seine Arbeit mit dem “Hasso Plattner Founder Award” ausgezeichnet wurde. Innovation braucht eben vielfältige Perspektiven und das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Charaktere. Holt sie raus aus den Silos!

Drittens: “Ja aber die Kolleg*innen machen doch zusammen Mittagspause. Und wir haben die After Work Drinks jeden Donnerstag”… – Gut – aber nicht gut genug! Denn seien wir mal ehrlich: Wer sitzt beim Lunch zusammen? Und wer geht zusammen einen trinken? – Meist diejenigen, die sich sowieso schon gut kennen. Um neue Verbindungen zu ermöglichen, brauchen Unternehmen neue und vor allem offene Formate und Anlässe. Heißt: Wirklich jede*r sollte grundsätzlich die Möglichkeit haben mit jedem im Unternehmen in Kontakt zu treten. Ausgehend vom jeweiligen Bedürfnis oder der aktuellen Anforderung des Einzelnen kann jede*r Mitarbeitende gezielt nach Expert*innenrat, einem fachlichen Austausch, einem gemeinsamen Projekt usw. suchen. Bereits 40 Sekunden guter Interaktion haben einen messbaren positiven Effekt auf das Wohlbefinden. 40 Sekunden! Was dann erst alles möglich ist bei einem einfachen Lunch Date, einer Mentoring-Session oder einem langfristigen Format wie Jobsharing! Auch Communities, die sich nicht ausschließlich um Arbeitsthemen drehen, sind eine wunderbare Möglichkeit, um Menschen aus ihrer Isolation zu holen. Wie Unternehmen diese mit Hilfe smarter Tools aufbauen können, haben wir in einem früheren Blogbeitrag zum internen Community-Building beschrieben.

Und schließlich: Indem sie anfangen, digitale Technologie nicht mehr nur als Ursache für die zunehmende Vereinzelung zu sehen, sondern als Teil der Lösung. Ohne Frage hat Technologie unser Sozialverhalten verändert: Facebook, Insta, Netflix usw. ersetzen echte soziale Kontakte, wir chatten lieber, als uns auf ein Bier zu treffen, wir arbeiten im Home Office statt im Büro mit den Kolleg*innen usw. Und ohne Frage ist in puncto Digitalkompetenz im Sinne eines gesunden, ablenkungsfreien und “sozialverträglichen” Umgangs mit Technologie noch jede Menge Luft nach oben. Das rechtfertigt jedoch nicht, sich vor den Möglichkeiten zu verschließen, die die Digitalisierung bietet, um offene und demokratische Strukturen in Unternehmen zu schaffen. Weder müssen Mitarbeitende durch Kontrolle und Begrenzung vor sich selbst geschützt werden, noch gibt es ein gefährliches Zuviel an Offenheit und (digitalen) Vernetzungsmöglichkeiten für Menschen in Unternehmen.

Fazit: Social Distancing bestimmt ganz bewusst seit sechs Wochen den Alltag vieler Menschen. Soziale Isolation wirkt aber – für viele unbewusst und unsichtbar – schon viel länger. Die reine Hinwendung zu digitalen Tools ohne klares Ziel vor Augen kann diese Abschottung verstärken. Vereinsamung im Job zu verhindern ist im ersten Schritt immer ein kultureller Akt, getrieben von dem Wunsch, die eigenen Fähigkeiten und die der Menschen um uns herum kennenzulernen, zu verstärken, im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel zu verbinden und uns auf professioneller wie auf menschlicher Ebene neu zu begegnen. Der Startpunkt für die Verantwortlichen in Organisationen ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wovor sie eigentlich Angst haben, wenn sie die alten, isolationsfördernden Silo- und Machtstrukturen fallen lassen – und was diese Angst mit ihnen selbst über all die Jahre gemacht hat.

Der unverrückbare Platz an der Spitze einer Pyramide ist nämlich oft vor allem eines: ziemlich einsam.

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