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Über Jobsharing, Mythen und Vorurteile – ein Kommentar zur aktuellen Diskussion

In den letzten Wochen gab es sehr zahlreiche und sehr unterschiedliche Artikel zu den Themen Jobsharing, Co-Leadership und Teilzeit. Im Tandemploy Büro schwankten unsere Reaktionen zwischen ungläubigem Grinsen, Kopfschütteln und (glücklicherweise auch) heftigem Nicken. Warum gibt es noch immer so viele Vorurteile (die eigentlich schon mehrfach widerlegt wurden)? Woher kommt die Abwehrhaltung? Der Versuch einer Zusammenfassung.

Die Berichterstattung begann am 22. Februar: ein Interview mit Antje Neubauer, Topmanagerin der Deutschen Bahn, die vor Kurzem bekannt gab, ihre Stelle aufzugeben. Schon in der Headline ein Zitat aus dem Interview, um das es auch in der anschließenden Diskussion immer wieder ging.

„Wenn man meinen Job richtig machen will, geht das nicht in Teilzeit“

Ehrlich? Und weiter:

„Mein Körper hat gelernt, zu funktionieren. Wenn ich müde bin, unterzuckere ich zwar schneller und bekomme schlechte Laune. Aber mit einem Snickers oder meinen Ingwerstäbchen geht es dann schnell wieder. Ich bin während meiner gesamten Karriere gegen Bedürfnisse wie Schlaf und Sport angegangen, weil mir mein Beruf so viel Spaß macht und mir einfach wichtiger war.“

Wirklich? Irgendwo zwischen ungläubigem Grinsen und Kopfschütteln.

Die Diskussion, die daraufhin auf LinkedIn folgte, war intensiv.

Denn natürlich vertreten wir (und viele andere) hier eine andere Meinung.

„Jede Position ist auch in flexiblerer Art und Weise – und ja, auch in weniger Stunden – möglich. Falls der Workload zu hoch ist, können Aufgaben in Teamkonstellationen oder Tandems abgebildet werden. Allein das Festhalten an der starren 40-Stunden-Vollzeitstelle hindert uns daran, hier offener zu denken. Und wenn wir ehrlich sind, sind Führungspositionen ja ohnehin meist 50-60-Stunden-Jobs – dann sollten sie ohnehin lieber von einer Doppelspitze wahrgenommen werden.“

Das kommentierte beispielsweise unsere Gründerin und Geschäftsführerin Jana, die sich seit der Gründung von Tandemploy die Geschäftsführung mit Anna im Jobsharing teilt.

Oder Cawa Younosi (HR Director SAP Deutschland):

„… dauerhafte Überstunden, um einen Job gut machen zu können, ist für mich entweder eine organisatorische oder subjektive Anomalie, die so schnell wie möglich abgestellt werden muss und nicht Normalität werden darf.
Wenn die Gründe organisatorischer Natur ist, dann ist Führen in Teilzeit oder als co-leader eine sinnvolle Option.“

Es gab aber auch viele Stimmen, die Frau Neubauers Meinung und Einstellung teilten. Und dabei wurden auch wichtige Punkte genannt, über die tatsächlich noch diskutiert werden muss, wie zum Beispiel „Altersarmut“.

Auch wenn es Aspekte in der Debatte gibt, die ganz klar noch Diskussionsbedarf haben, finden wir es trotzdem fatal, so pauschal zu behaupten, dass Teilzeit/Jobsharing/Co-Leadership (für bestimmte Positionen) nicht möglich wäre.

(Man könnte hier allerdings auch über die Auswahl der Headline streiten.)

Apropos Headline. Am 25. Februar ging es dann weiter – mit einem Artikel über Jobsharing im Allgemeinen und über SAP und ihr Vorhaben, alle Stellen im Jobsharing auszuschreiben im Speziellen.
Der Titel: „Partnerbörse für Jobs: SAP sucht berufliche Traumpaare.“

Der Artikel (inhaltlich identisch) wurde auch noch auf einigen anderen Websites veröffentlicht. Doch hier unterschieden sich die Titel stark: „Jobsharing bleibt ein Randphänomen“ und „Warum Jobsharing so schwierig ist“ – Ganz anders und ziemlich überraschend, denn der Inhalt des Artikels passt eher zu Titel #1. Trotzdem waren die eher negativen und polarisierenden Titel klar in der Überzahl. Diese einseitige Berichterstattung erinnert uns eher an die Anfänge von Tandemploy, als Jobsharing tatsächlich noch weitgehend unbekannt und mit vielen Vorurteilen behaftet war. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und viele positive und erfolgreiche Jobsharing-Beispiele dazugekommen. Kein Grund mehr für einseitige Darstellungen.

Warum also? Sind wir so sehr an negative Nachrichten gewöhnt, dass positive Berichterstattung niemanden mehr erreicht? Wird die ganze Digitalisierungsdebatte nur in Superlativen (zwischen Hoffnung & Angst) geführt, so dass für sachliche Darstellungen kein Platz mehr ist?

Wir waren verwundert.

Und freuten uns um so mehr, als am Montag ein absolut inspirierendes Beispiel bei Xing auftauchte:
Christiane Haasis und Angela Nelissen, auch Chan genannt (Vice President Refreshment DACH, Unilever), arbeiten bereits seit zehn Jahren gemeinsam als Führungsspitze und berichten in ihrem Debattenbeitrag darüber, wie sie die vier größten Jobshare-Mythen entschärft haben.

„Diese Mythen verhindern, dass Interessierte den Schritt in Richtung Jobsharing gehen. Deswegen ist die Diskussion darüber so wichtig. Wir beispielsweise arbeiten jeweils 60 Prozent. Jede von uns ist an drei Tagen in der Woche ansprechbar. Damit haben wir zwar einen Überhang von 20 Prozent, doch bedienen wir zu zweit ein viel größeres Themenfeld, als wir das einzeln könnten. Gesamtstrategien, an denen wir monatelang sitzen, erarbeiten wir gemeinsam, ansonsten teilen wir uns unsere Bereiche auf. So ist es für uns möglich, bei Themen in die Tiefe zu gehen. Wenn wir unsicher sind, besprechen wir uns im Team oder auch zu zweit.“

Sie beenden ihren Beitrag mit dem Satz „Glauben Sie uns: We all can Jobshare!“ – Das können wir nur unterschreiben.

Wir haben diese Woche dann auch mit unseren 5 guten Gründen gestartet – gegen Jobsharing und damit, warum wir diese auf keinen Fall akzeptieren können.


Unsere Gegenargumentation dazu kann man auch im passenden Blogartikel nachlesen. Der Artikel ist übrigens von 2014 und wir sind davon überzeugt, dass wir mit der Diskussion schon ein ganzes Stück weiter sind, als es uns so manche Artikel in den letzten Wochen weismachen wollten.

Wie sehen Sie das? Wie arbeiten Sie? Passt Ihre Arbeit in Ihr Leben? Oder würden Sie gerne weniger und/oder flexibler arbeiten? Könnten Sie sich ein Jobsharing vorstellen? Gibt es in Ihrem Unternehmen flexible Arbeitsmodelle? Wenn ja, welche?
Wir freuen uns über Kommentare und eine spannende Diskussion!

 

Noch mehr positive Beispiel für erfolgreiches Jobsharing? In unserem Blog gibt es viele tolle Beispiele:

„Für uns, unseren Manager und das Team ist es win-win-win.“
Jobsharing bei Google – Interview mit SabElly​, ​Elly​ ​Oldenbourg​ ​und​ ​Sabine​ ​Georg,​ ​ein​ ​Creative​ ​Agency​ ​Manager-Tandem​ ​bei​ ​Google Deutschland.​

 

 

Mit der „Beiersdorf Exklusiv Interviewreihe“ geben wir durch insgesamt elf Interviews spannende Einblicke in ganz verschiedene Jobsharing-Modelle und zeigen, wie vielseitig die Konstellationsmöglichkeiten durch Jobsharing sind.