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Jobsharing bei Evonik

Mit Jobsharing selbstbestimmt, offen und vernetzt arbeiten – Evonik zeigt, wie Flexibilisierung geht

PAIRfect Match für Jobsharing: Rainer Gimbel & Dr. Ines Lietzke-Prinz

Wie sehen Unternehmen aus, die sich heute bereits für die „Zukunft der Arbeit“ wappnen? Der Essener Chemiekonzern Evonik macht es vor. Für eine erfolgreiche und vor allem nachhaltige digitale Transformation gibt es kein Patentrezept, vielmehr muss es darum gehen, seinen eigenen Weg zu finden. Um zu verstehen, wie sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Zukunft ihrer Arbeit im Konzern vorstellen, startete Evonik zunächst eine große Umfrage. Diese zeigte eindeutig: Für flexibles, neues Arbeiten herrscht innerhalb des Unternehmens eine hohe Nachfrage und Akzeptanz – besonders für das Thema Jobsharing. Und Evonik zog Konsequenzen aus den Ergebnissen und hat nun mit der Tandemploy Software, die auf den Namen „PAIRfect“ getauft wurde, ein Tool eingeführt, das das Zustandekommen von Jobsharing-Tandems ganz aktiv fördert. Wir haben mit Dr. Ines Lietzke-Prinz und Rainer Gimbel, die sich die Projektleitung übrigens im Tandem teilen, gesprochen.

Alles begann bei euch mit einer Umfrage: Ihr wolltet herausfinden, ob eure Kolleginnen und Kollegen wirklich Lust auf Jobsharing haben. Was kam dabei heraus? Hat euch das Ergebnis in seiner Deutlichkeit überrascht?

Ines: Work-Life-Balance, Arbeitszeit und private Zeit in Einklang bringen – auch bei Evonik ist das Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wichtig. Attraktive Jobsharing-Angebote sind dafür eine gute Möglichkeit. Allerdings sollte man auch wissen, welche Angebote konkret gefragt sind, und wie stark das Interesse tatsächlich ist. Wir haben deshalb ganz zu Beginn eine kleine interne Umfrage gemacht. Da war unser aktuelles Jobsharing-Projekt „PAIRfect“ noch nicht mehr als eine Idee. Uns hat es schon überrascht, dass wir bereits innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Start der Umfrage mehr als 200 Antworten bekamen. Insgesamt lag die Beteiligung bei fast 270. In 102 zusätzlichen Kommentaren schilderten viele, wie schwierig es zum Beispiel sei, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen oder auch Führung in Teilzeit zu übernehmen. Wir hatten also offenkundig mit der Umfrage einen Nerv getroffen! Dieses Feedback hat uns sehr dabei geholfen – wir konnten damit gut belegen, wie wichtig ein Projekt dazu ist.

Rainer: Ein Jahr später, in einer zweiten und repräsentativen Umfrage bei Evonik in Deutschland, haben 75%, also drei von vier Teilnehmerinnen und Teilnehmern, geantwortet, dass sie Jobsharing für ein wichtiges Thema halten. Wenn wir die Ergebnisse präsentieren, überrascht es selbst viele Manager, wie groß das Interesse auch bei den männlichen Kollegen ist. Für uns ist das nicht ganz so überraschend, denn wir wissen ja inzwischen, dass auch auf der „PAIRfect“-Plattform jeder dritte Nutzer männlich ist.

Als feststand, dass ihr Jobsharing aktiv anbieten und eine Software hierfür einführen möchtet, habt ihr beiden die Projektleitung – Chapeau! – selber im Tandem übernommen. Wie kam es dazu?

Ines: Ich hatte von Tandemploy gehört und war überzeugt: Das brauchen wir bei Evonik. Rainer hat mich in dem Projektvorhaben von Anfang an unterstützt – auch moralisch –, was wichtig war, denn es gab durchaus auch viele Skeptiker. Als die ersten Türen sich dann langsam öffneten, bin ich in Elternzeit gegangen. Rainer hat das Projekt übernommen – da fing die Arbeit erst richtig an. Als ich nach gut einem Jahr zurückkam, ist die Plattform gerade live gegangen. Ich glaube, wir hatten beide das Gefühl, dass wir das gemeinsam erreicht haben, und es war sofort klar, wir machen zusammen weiter.

Was macht euch beiden zum perfekten Match?

Ines: Wir sind beide weitestgehend uneitel: Uns geht es um die Sache – und nicht um den Erfolg des Einzelnen. Uns beiden ist es wichtig, dass Jobsharing sich bei Evonik in einem Portfolio von flexiblen Arbeitszeitmodellen als eine der ganz normalen, selbstverständlichen Varianten fest etabliert. Wir sehen Jobsharing als Teil einer Entwicklung unseres Unternehmens, bei der es um selbstbestimmtes, offenes und vernetztes Arbeiten geht.

Außerdem ergänzen Rainer und ich uns auch fachlich sehr gut im Projekt: Rainer hat einen betriebswirtschaftlichen sowie einen IT-Hintergrund, ich dagegen komme aus dem Foresight-/Innovationsumfeld. Dabei eint uns die Mentalität, dass Widerstände und Skepsis bezüglich Neuerungen uns nicht irritieren, sondern motivieren.

Rainer: …und nicht zuletzt haben wir beide auch den Anspruch, nicht nur einen guten Job zu machen, sondern auch für die Familie da zu sein. Wir kennen also beide auch persönlich die Herausforderung, Karriere und Privatleben unter einen Hut zu bringen.

Wie unterstützt euch die Tandemploy Software – bei euch auf den sehr passenden Namen „PAIRfect“ getauft – ganz konkret dabei, Jobsharing bei Evonik zu fördern?

Ines: Sie unterstützt uns auf verschiedene Weise: Zum einen haben wir mit Tandemploy einfach einen Partner an der Seite, der Erfahrung zu dem Thema mitbringt und sozusagen am Puls der Zeit ist. Zum anderen unterstützt uns die Software technisch dabei, interessierte Kolleginnen und Kollegen zu vernetzen. Evonik ist allein in Deutschland an vielen verschiedenen Standorten vertreten, mit rund 22.000 Beschäftigten. Eine Plattform macht hier also durchaus Sinn. Nicht zuletzt wirken Einführung und Nutzung der Plattform natürlich auch als Katalysator für das Thema Jobsharing insgesamt.

Wie sollen eure Kolleginnen und Kollegen idealerweise vorgehen, wenn sie über die Plattform einen möglichen Tandempartner gefunden haben?

Rainer: Das ist ganz einfach: Sie sollen sich über unsere interne Jobbörse auf eine entsprechende Stelle bewerben und in ihren Bewerbungen auf den jeweiligen Tandempartner Bezug nehmen.
Wir fahren das Angebot im Konzern weiter hoch. Bei allen Abteilungen und Unternehmensteilen, die heute bereits mitmachen, sind grundsätzlich alle Arbeitsplätze tandemfähig.

Gibt es bereits Tandems bei Evonik, die zeigen, dass das Modell funktioniert?

Ines: Ja, wir haben derzeit etwa 15 Tandems bei Evonik in Deutschland. Einige davon stammen noch aus der Zeit vor dem „PAIRfect“-Start. Alle Tandems unterscheiden sich: Eines hat einen größeren Altersunterscheid. Ein anderes Tandem sitzt an zwei verschiedenen Standorten. Und ein gemischtes Doppel haben wir auch. Oft bringen die Tandempartnerinnen und -partner jeweils sehr unterschiedliche Werdegänge mit. Die Aufgaben und Anforderungen in der Arbeitswelt sind immer komplexer – da können die sich ergänzenden Kompetenzen der Jobsharer aus unserer Sicht auch für das Unternehmen nur von Vorteil sein.

Rainer: Spannend ist auch, dass eine Kollegin ihre Vollzeit-Arbeitsstelle neuerdings 50/50 mit einer anderen Kollegin teilt und nun durch eine ganz andere Tätigkeit bei Evonik auf 100% Arbeitszeit kommt. Sie hat also zwei unterschiedliche Jobs parallel. Ein tolles Modell, auch um vorübergehende Projektarbeit zu ermöglichen.

Ines, du gehst ja auch hier mit gutem Beispiel voran…

Ines: Stimmt, seit Anfang dieses Jahrs bilde ich selbst ein Tandem mit einem Teamkollegen. Zwar kannten wir uns schon vorher, allerdings wurde er mir von „PAIRfect“ tatsächlich als erster Match vorgeschlagen. Wir müssen uns noch etwas daran gewöhnen, sind aber beide begeistert von dem Gedanken, immer einen Sparringspartner auf Augenhöhe zu haben, der in denselben Themen zu Hause ist. Im Moment ist der Kollege für einen Monat in Elternzeit. Da der Nachwuchs etwas früher kam, hat die Übergabe nicht mehr so geklappt wie ursprünglich geplant. Trotzdem hatte ich durch unsere wöchentlichen Tandem-Jour-Fixe und die transparente, digitale Ablage seinen Arbeitsstand ganz gut im Blick. Es hat also funktioniert.

Rainer, wir haben dich schon einmal in unserer Reihe #ChangeAgents vorgestellt. Damals sagtest du, dass du dir im Management und auch bei den Mitarbeitern mehr Mut wünschst, Dinge, „die man schon immer so gemacht hat“ zu hinterfragen. Was wünschst du dir jetzt ganz konkret vom Management und deinen Kollegen, bezogen auf die „PAIRfect“-Plattform?

Rainer: Die Idee „Jobsharing“ erzeugt natürlich erst einmal viele Fragen – auch im Management. Ich nenne mal ein paar Beispiele: Wer trägt die (finale) Verantwortung? Entstehen Mehrkosten? Was, wenn eine Hälfte des Tandems nach einem Jahr keine Lust mehr hat? 

Auch wir können längst nicht alle möglichen Fragen bereits beantworten. Auch bei diesem Thema spielen Praxis und Erfahrungen eine Rolle. Dennoch sind wir überzeugt, dass ein systematisches Jobsharing, gerade in Führungspositionen, ein großer Gewinn für unser Unternehmen sein kann. Deshalb wünsche ich mir von unserem Management auch mehr Mut, sich auf solche neuen Angebote und Möglichkeiten einzulassen. Ihre Unterstützung ist wichtig, auch und gerade weil es vorab noch nicht auf sämtliche Fragen schon Antworten gibt. Es sollte selbstverständlich sein, Gewohntes häufiger mal in Frage zu stellen: Gängige Praxis ist in vielen Unternehmen zum Beispiel immer noch, einen Arbeitsplatz als einen “Headcount” zu zählen. Das macht das Rechnen vielleicht einfacher, aber vielleicht bringen zwei halbe Kräfte viel mehr mit – weil sich die Kompetenzen und Kenntnisse der beiden Beteiligten so gut ergänzen. Durch die Umstellung auf FTE und die Einführung von Jobsharing haben wir nun die Möglichkeit, diese Flexibilität zu nutzen.

Ines: Auch lassen sich Jobs abbilden, die eigentlich mehr als „nur“ ein FTE bzw. 100% erfordern. Mein Tandempartner und ich sind zusammen beispielsweise 1,4 FTE.

Du hast auch gesagt, dass du großer Fan und Verfechter von Working out Loud bist. Welche Pläne habt Ihr diesbezüglich bei Evonik?

Rainer: Working Out Loud ist ein wunderbares, einfaches Format für selbstbestimmtes Lernen und vermittelt nebenbei die notwendige Schlüsselqualifikationen des digitalen Netzwerkens. Das Prinzip der kleinen Schritte mit Peer Support und zahlreichen Übungen über einen den Zeitraum von 12 Wochen hilft Kollegen und Kolleginnen, im eigenen Tempo und strukturiert ihre Gewohnheiten zu ändern und neue Dinge zu erlernen. Das ist gut für das Unternehmen und gut für die Mitarbeiter.
Seit dem Besuch von John Stepper im Mai 2017 können sich alle Beschäftigten bei Evonik für einen Working-Out-Loud-Zirkel registrieren. Bis dato haben wir schon mehr als 50 Working-Out-Loud-Circles gestartet.
Inzwischen versuchen wir Working-Out-Loud-Formate zu institutionalisieren. So ist Working Out Loud bereits ein fester Bestandteil des Evonik-Onboarding-Programms „Evonik Starter Kit“, sowie in zahlreichen Talentprogrammen. So tragen wir die Idee von Working Out Loud Stück für Stück ins Unternehmen.

Working Out Loud hilft übrigens auch beim Jobsharing. Ich bin überzeugt, dass ein Jobtandem nur mit einer transparenten und vertrauensvollen Kommunikation erfolgreich zusammenarbeiten kann.

Denkt ihr, es ist gerade im Zuge der digitalen Transformation wichtig, die Arbeitsmodelle und Strukturen von Organisationen zu öffnen – und sich in Richtung Netzwerkorganisation zu bewegen?

Ines: Eindeutig ja. Rainer und ich arbeiten beide in der Evonik Digital GmbH – wir sind ein sehr diverses Team von ca. 25 Kolleginnen und Kollegen. Alle tragen mit dem persönlichen Erfahrungsschatz zu unseren sehr verschiedenen, digitalen Pilotprojekten bei. Aber natürlich sind wir bei vielen Fragen auch auf externe Expertise angewiesen – und den Blick von außen. Für uns ist es daher normal, nicht nur „mal zu netzwerken“, sondern projektbasiert konkret das richtige Knowhow durch Partner an Bord zu holen. Das kann in dem einen Fall ein Start-up sein, in dem anderen Fall ein Unternehmen wie wir es sind oder auch eine Hochschule. Diese Normalisierung der gemeinsamen Projektarbeit – die nicht mehr im Geiste der klassischen Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung stattfindet – wird mittelfristig sicher immer flexiblere, offenere Strukturen forcieren.

Und was sagt ihr Zweiflern, die trotzdem noch zu viele Fragezeichen bezüglich neuer Arbeits- und Kollaborationsformen haben?

Ines: Kennt ihr den Spruch: „Alle sagten, es geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es gemacht“?

Rainer: Wir meinen: Einfach mal machen!

 

 

 

 

 

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