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New Collar – Gemeinsam mit allen Mitarbeiter*innen die digitale Transformation gestalten

Der digitale Wandel beschäftigt mittlerweile alle Organisationen mehr oder weniger intensiv und man könnte vermuten, dass er somit auch alle Unternehmensbereiche erreicht hat. Dem ist aber nicht so: Die Debatte rund um digitale Transformation und New Work wird fast ausschließlich aus der Perspektive der White Collar Mitarbeiter*innen geführt. Aber was ist mit den Produktionsbereichen? Wo bleiben die Blue Collar Kolleg*innen? Sind sie etwa nicht vom Wandel betroffen – vielleicht sogar viel stärker als Schreibtisch- & Wissensarbeiter? Und bietet die digitale Transformation nicht sogar die Chance, die Arbeitswelt und Jobs (New Collar!) völlig neu zu denken und zu gestalten?

Wo bleiben die Blue Collar Kolleg*innen bei der digitalen Transformation?

Im Arbeitsalltag vieler großen Unternehmen sieht die Realität tatsächlich so aus, dass dort sämtliche „Blue Collar Mitarbeiter*innen weder eine Firmen-E-Mail-Adresse besitzen noch einen Zugang zum Intranet haben. Das bedeutet aber auch, dass somit fast 50% der Belegschaft von digitalen Tools und digitaler Mitgestaltung ausgeschlossen sind.

Wie soll so eine digitale Transformation ganzer Organisationen gelingen? Wie können komplette Geschäftsmodelle neu gedacht werden, wenn diese so wichtigen Kolleg*innen, die meist sogar viel näher am Produkt und am Kunden arbeiten, vom Transformations- und Innovationsprozess ausgeschlossen sind? Denn gerade die Mitarbeiter*innen aus den Produktionsbereichen besitzen wertvolles Wissen über Produktionsabläufe.

Hier wird deutlich, dass Unternehmen (oder besser: wir alle) sich mit dem „Wozu“ von Digitalisierungsprozessen auseinandersetzen müssen. Der digitale Wandel kann viele neue Möglichkeiten und Chancen mit sich bringen, aber sie müssen genutzt werden. Wie können Transformationsprozesse so gestaltet werden, dass sie am Ende dem Einzelnen – und damit in der Konsequenz unseren Organisationen  – nützen? Wie können wir effektiver, gesünder und produktiver zusammenarbeiten, unsere Arbeit eigenverantwortlicher gestalten und flexibler einteilen – und zwar in allen Bereichen?

Es geht auch anders – über Vertrauen & Vernetzung

Doch woran liegt es genau, dass Blue Collar Mitarbeiter*innen bisher so wenig eingebunden werden?

Mitarbeiter*innen im gewerblichen Bereich sind zum einen meist sehr stark an ihre Schichten gebunden. Zum anderen gibt es an den Produktionsarbeitsplätzen in der Regel keine Computer. Eine Einbindung und Vernetzung scheint also auf den ersten Blick schwierig. Ein dritter Punkt macht deutlich, wie wichtig offenes Denken und Vertrauen sind: Es herrschen nämlich oft noch Vorurteile gegenüber Blue Collar Mitarbeiter*innen, was sehr schade ist, zumal die Befürchtungen oft gar nicht wahr werden. Denn wie verschiedene Beispiele zeigen, haben Mitarbeiter*innen aus dem Produktionsbereich oft ein hohes Interesse sich einzubringen – wenn man es ihnen ermöglicht und zutraut.

Und auch für die ersten beiden Punkte gibt es einfache und praktische Lösungen. Fast jeder besitzt heute ein Smartphone. So können technische Tools verschiedene Kommunikationswelten verbinden und Silos zwischen White- und Blue Collar-Bereichen auflösen.

Wie die Einbindung von Produktionsmitarbeitern aussehen kann, zeigt das Beispiel der Robert Bosch Lollar Guss GmbH. Dort wird inzwischen ein Team-Staffing-Prozess eingesetzt, bei dem Shopfloor-Mitarbeiter*innen von Beginn an in den Bewerbungsprozess mit eingebunden werden. Dabei gibt es keine Gewichtung oder Hierarchie in der Entscheidungsfindung. Gestartet ist das Ganze als Graswurzelprojekt, das inzwischen die Runde gemacht hat. Denn der Erfolg bestätigt diesen Schritt: Die neu eingestellten Mitarbeiter*innen haben einen besseren Teamfit und die Shopfloor-Mitarbeiter*innen fühlen sich durch die Einbindung in den Prozess enorm wertgeschätzt. Zudem fühlen sie sich verantwortlicher für neue Kolleg*innen und begleiten sie bei einem guten Start.

Durch Vertrauen und Vernetzung können auch Blue Collar Mitarbeiter*innen ihr Wissen dokumentieren und teilen, Probleme schneller erkennen und Impulsgeber für neue Ideen werden.

Arbeitswelt neu denken – New Collar Jobs

In der Debatte rund um Blue Collar dreht es sich schnell auch um die Themen Fachkräftemangel und Arbeitsplatzgefährdung (oft als Schreckensmeldung). Doch die Digitalisierung schafft auch massenweise neue Jobs, von denen wir heute oft noch nicht sagen können, wie sie aussehen werden – so genannte New Collar Jobs.

Davon sind übrigens beinahe alle Berufsfelder betroffen – egal ob Blue Collar oder White Collar Jobs. Das erfordert neue Skills und Kompetenzen im Umgang mit Daten und die Bereitschaft, sich kontinuierlich und flexibel weiterzubilden.

Denn viele der neuen New Collar Jobs werden nicht gleich eine langwierige (Universitäts)Ausbildung erfordern, sondern vielmehr gezielte Qualifizierungen in bestimmten Bereichen und ein neues und anderes Skill-Set. Manche Experten sprechen schon davon, dass „digitale Kompetenz“, nach Lesen, Schreiben und Rechnen zur vierten Kulturtechnik geworden ist.

Ganz klar ist: (Weiter)Bildung und lebenslanges Lernen werden immer wichtiger um den neuen Herausforderungen begegnen zu können. Und zwar nicht nur in Schulen und Universitäten, sondern auch und vor allem in Unternehmen. Organisationen müssen Räume schaffen, in denen Wissensaustausch, Vernetzung und kontinuierliches (voneinander) Lernen möglich sind. Und: Unternehmen müssen dabei den stärksten Hebel nutzen, den sie haben: die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und zwar alle, unabhängig von Hierarchie und Bereich.