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Was wir von Momo über das Leben und die Arbeit lernen können.

Manche Kinderbücher sind so weise, dass sie Pflichtlektüre für jeden Erwachsenen werden sollten. Momo von Michael Ende ist so ein Buch. Auf der einen Seite eine phantastische Geschichte über ein kleines Mädchen, das wunderbar zuhören kann und den Menschen ihre gestohlene Zeit zurückbringt, auf der anderen Seite eine Erzählung über das Leben, die Zeit und unser Geldsystem.

Momo ist eine Geschichte für Kinder – aber vor allem für das Kind in jedem von uns geschrieben. Sie regt an, wieder Fragen zu stellen, die zu formulieren man im Alltag keine Zeit mehr findet, Prioritäten zu setzen und umzudenken für ein lebenswerteres, reicheres Leben. Reich an Zeit, Zuhören und guten Freunden.

Was ist das Bemerkenswerte an Momo, ihren Freunden und den grauen Herren?

Momo ist nicht klüger als andere Kinder in ihrem Alter, aber sie hat eine seltene Gabe, die ihr viele Freunde beschert und sie zu einer Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Menschen aus ihrer Nachbarschaft macht:

Momo kann zuhören.

„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Uns so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.“

Zwei Freunde hat Momo unter ihren vielen Freunden besonders gern, und einer davon ist Beppo Straßenkehrer. Das Besondere an Beppo: Er tut seine Arbeit stets langsam und bedacht, und hat gerade deswegen seine Freude an ihr.

Beppo tut seine Arbeit Schritt für Schritt – und kommt so auf große Gedanken.

„Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: bei jedem Schritt einen Atemzug und jedem Atemzug ein Besenstrich. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Schritt – Atemzug – Besenstrich. (…) Während er sich so dahinbewegte (…) kamen ihm oft große Gedanken.“

Für den Gefallen, den Beppo an seiner Arbeit findet, hat er eine scheinbar einfache Erklärung.

 „Man darf nie an die ganze Straße denken, verstehst du?“ fragt er die kleine Momo einmal. „Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. (…) Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Wann immer Beppo nicht arbeitet, sitzt er bei Momo und leistet ihr Gesellschaft. Denn obwohl die kleine Momo nicht viel besitzt – ihre Freunde schenken ihr Essen und alles was sie zum Leben braucht, im Gegenzug erzählt Momo ihnen Geschichten – hat sie eines quasi im Überfluss: Zeit.

Momo ist reich: reich an Zeit.

 „Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Weil Momo über alle Zeit der Welt verfügt, ist sie unempfänglich für die Verführungen der grauen Herren, die langsam aber sicher die Macht über die Stadt und ihre Bewohner übernehmen. Die grauen Herren bringen die Menschen dazu, mehr und mehr Zeit zu sparen – und betrügen sie letztlich um genau diese.

Die grauen Herren stehlen den Menschen die Zeit und nennen es: sparen.

 „Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen.“

Auch Momos Freunde erliegen nach und nach den Versprechungen der grauen Herren – und finden immer weniger Zeit, um Momo im Amphitheater zu besuchen, Geschichten zu erzählen und zu spielen. Und obwohl die Freunde ständig bemüht sind, Zeit zu sparen, bleibt ihnen letztlich kaum eine Sekunde übrig. Sie verlieren die Freude an ihrer Arbeit, selbst Beppo ist davor nicht gefeit.

„Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat, war unwichtig – im Gegenteil, das hielt nur auf. Wichtig war allein, dass er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete.“

Momo spart keine Zeit – sie lebt im Hier und Jetzt.

Die kleine Momo ist schließlich die einzige Bewohnerin der Stadt, die noch Zeit hat und sich wundern kann. Wundern darüber, dass niemand mehr zu Besuch kommt, alle unglücklich und ständig beschäftigt scheinen. Sie ist die Einzige, die noch für den Moment lebt und die Stille aushält – ja sogar wichtige Erkenntnisse aus ihr gewinnt. Alle anderen brauchen förmlich den Trubel und die Ablenkung:

„Am allerwenigsten konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer Stille drohte.“

Nicht nur darin unterscheidet sich das kleine Mädchen von den anderen Menschen. Neben dem Lärm, der die Stille betäubt, braucht sie ebenso wenig den Konsum, der vor der Langeweile bewahren soll. Als ihr eines Tages ein grauer Herr eine Puppe schenkt, deren einziger Reiz darin bestehen soll, ihr immer neue Kleider und Accessoires zu kaufen, ist Momo verwundert angesichts der Aussage des grauen Herren:

„Man muss nur immer mehr und mehr haben, dann langweilt man sich niemals. (…) die Sache ist endlos fortzusetzen, und es bleibt immer noch etwas, das du dir wünschen kannst.“

Momo versteht nicht, wie sie mit dieser Puppe spielen geschweige denn ihre Freude daran haben soll. „Ich glaub, man kann sie nicht lieb haben.“ sagt sie leise zu dem grauen Herren – und dieser verlässt fluchtartig das Theater.

Momo braucht keine neuen Dinge. Was sie wirklich braucht, sind ihre Freunde.

Um ihre Freunde – ohne die Momos Leben einsam und wenig lebenswert geworden ist – wieder zu bekommen und um all den anderen Menschen der Stadt ihre gestohlene Zeit zurückzubringen, tritt sie schließlich gemeinsam mit Meister Hora, dem geheimnisvollen Verwalter der Zeit, gegen das riesige Heer der grauen Herren an. Sie schafft es am Ende, mit nichts als einer Stundenblume und einer Schildkröte unter dem Arm, die gestohlene Zeit aller Menschen zu befreien und sie ihnen zurückzugeben.

„Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: Kinder spielten mitten auf der Straße, und die Autofahrer, die warten mussten, guckten lächelnd zu, und manche stiegen aus und spielten einfach mit. Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.“

Momo besiegt die grauen Herren – weil sie die Einzige ist, die noch Zeit dazu hat.

Bildnachweis: ©Buchcover zu “Momo” von Michael Ende

3 Kommentare
  1. Lina
    Lina sagte:

    Ich muss tatsächlich mehr als oft an Momo und die Stundenblumen denken, wenn ich mich im Alltag befinde und Zeit wieder eines der größten Themen ist. Das Buch ist SO weise und richtig. Sollte echt jeder gelesen haben und zumindest ein klitzekleines bisschen in den Alltag umsetzen! 🙂

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