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Höhere Produktivität im Jobsharing. Interview mit Christiane Görres und Julika Rollin

Höhere Produktivität im Jobsharing - Interview

(links: Christiane Görres, rechts: Julika Rollin)

Christiane Görres und Julika Rollin teilen sich die Leitung des Hamburger Standortes von Common Purpose, einer international tätigen Organisation für Leadership-Entwicklung. Wenn Christiane in Kürze in Elternzeit geht, übernimmt Dr. Elmar Lüth für die Dauer der Elternzeit ihren Part. Im Interview haben wir darüber gesprochen, wie sie ihre Zusammenarbeit organisieren und wie sie einen dritten Jobsharer und damit eine 1-jährige Vertretung für Christiane fanden. Außerdem haben sie von der höheren Produktivität im Jobsharing erzählt.

Welche Aufgaben teilt ihr euch genau als Doppelspitze am Hamburger Standort von Common Purpose?

Julika: Wir teilen uns den Job der Programmdirektorin und damit die Leitung des Common Purpose Standortes Hamburg. Unsere Aufgaben sind dabei sehr vielfältig: Neben allgemeinen Leitungsaufgaben wie Personalführung, Budgetsteuerung und strategischer Planung liegt unser Fokus auf der Durchführung von  Leadership-Trainings für Führungskräfte. Unser Ziel hierbei ist es, dass Führungskräfte auch über ihr direktes Mandat hinaus Verantwortung im Beruf und in der Gesellschaft übernehmen. Für unsere Leadership-Trainings entwickeln wir das Curriculum, akquirieren die Teilnehmer, gewinnen Referenten usw. Außerdem sichern wir Spenden, pflegen die Beziehung zum Kuratorium, kümmern uns um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und bauen internationale Kooperationen mit anderen Common Purpose Standorten auf.

Wie kam es dazu, dass ihr heute im Jobsharing arbeitet?

Christiane: Ich hatte gerade meinen Job als Geschäftsführender Vorstand von startsocial e.V. gekündigt und war schwanger. Julika kannte ich, seitdem ich am ersten Common Purpose-Training in Hamburg fünf Jahre vorher teilgenommen hatte. Sie fragte mich, was ich nach meiner Elternzeit gern machen würde und ich antwortete ihr: „Ich finde, Du hast einen der schönsten Jobs in dieser Stadt“. Ein paar Monate später bot sie mir die Hälfte ihrer Stelle an.

Julika: Nach damals 5 Jahren im Job wollte ich gerne neue Verantwortlichkeiten übernehmen. Es war allerdings kein Budget vorhanden, um ein komplett neues Geschäftsfeld aufzubauen, das sich nicht sofort selber trägt. Als ich von Christiane wusste, dass sie bald „zu haben“ sein würde, kam mir die Idee, meine bisherige finanziell sichere Stelle mit ihr zu teilen und mit den freigewordenen 50% Arbeitszeit neue Geschäftsfelder innerhalb von Common Purpose aufzubauen, die zunehmend Geld – auch für zusätzliche Gehälter – einbringen würden.

Würdet ihr sagen, dass sich eure Charakter und Stärken eher ergänzen – oder sich sehr ähnlich sind?

Christiane: Unsere Interessen – gesellschaftspolitisches Engagement, Menschen verbinden und sie in ihren Potentialen stärken, etwas für das Gemeinwohl in Hamburg zu tun – ähneln sich. Unsere Stärken im Beruf hingegen ergänzen sich: Als wir uns am ersten Tag unseres Jobsharings an einen Tisch gesetzt haben und die Aufgaben verteilen wollten, fielen sie innerhalb von 5 Minuten automatisch in zwei Häufchen. Wir wollten jeweils unterschiedliche Dinge gern übernehmen. Nur das Kuratorium pflegen wir gemeinsam und die Personalführung haben wir untereinander aufgeteilt, jede führt eine Mitarbeiterin.

Wie teilt ihr euch in eurer täglichen Arbeit auf, wer macht wann was?

Julika: Inhaltlich, und damit auch finanziell, sind wir für verschiedene Programme verantwortlich: Christiane für Matrix, unser Programm für etablierte Führungskräfte, und ich für die sogenannten maßgeschneiderten Trainings für einzelne Auftraggeber. Unsere Mitarbeiterinnen kümmern sich jeweils um Navigator für aufstrebende Führungskräfte und um Your Turn für Jugendliche. Jede von uns ist somit für abgeschlossene Bereiche verantwortlich. Wir regen uns aber ständig gegenseitig an und beraten uns, wenn eine von uns Bedarf danach hat. Abstimmen müssen wir uns insbesondere bezüglich unserer Kontakte.

Christiane: Wir arbeiten beide an 4 Tagen pro Woche und regelmäßig aus dem Home Office. Wir haben beide freitags frei. Wir stimmen uns – auf Bitte unseres Teams – inzwischen etwas ab, dass Montag bis Donnerstag zumindest eine von uns auch im Büro ist, um dort Präsenz zu zeigen, für Fragen leichter zu fassen zu sein und für nette Atmosphäre zu sorgen.

Ist es manchmal schwierig mit der Kommunikation? Wie stellt ihr sicher, dass ihr beide immer gut informiert seid über die Arbeit des anderen?

Julika: Das Team sitzt im Büro in einem Raum. So kriegt jede mit, worüber die anderen am Telefon sprechen, welche Fragen sie stellen, zu welchen Terminen sie aufbrechen. Zudem kommunizieren wir viel per Email. Wir kopieren uns jedoch recht wenig in Emails an Dritte hinein, um die Email-Flut einzugrenzen. Daher passiert es selten mal, dass wir beide einer Person in recht kurzem zeitlichen Abstand schreiben. Bisher hat sich aber niemand „über“kontaktiert gefühlt oder den Eindruck gespiegelt, wir arbeiteten schlecht zusammen. Im Gegenteil: Unser Kuratoriumsvorsitzender, Michael Eggenschwiler, Vorsitzender der Geschäftsführung des Flughafen Hamburg, hat sich sehr begeistert geäußert, wie gut wir Hand in Hand arbeiten und dass es egal sei, wen man erwische, wir würden beide im Bilde und kompetent reagieren.

Merkt ihr einen Unterschied zu eurer vorherigen Arbeit in Vollzeit, seid ihr im Jobsharing produktiver?

Julika: Einige Dinge, die wir miteinander abstimmen, würden wir ohne Jobsharing wohl jeweils „im Alleingang“ machen und schneller erledigen. Insgesamt sind wir eindeutig produktiver, denn wir bringen zwei Köpfe ein, die nicht nach Ende der Arbeitszeit aufhören zu denken. Wir sind beide sehr gut in der Stadt vernetzt und bringen unsere Kontakte zusammen. Wir vertreten einander, wenn eine im Urlaub oder krank ist. Wir machen doppelt Überstunden. Wir regen einander auf kurzem Wege mit Ideen an, die wir uns sonst woanders suchen müssten. Wir sind frühe Gesprächspartner in Konflikten mit Dritten, die wir vielleicht länger schleifen lassen würden und die damit schwieriger aus dem Weg zu räumen wären. Wir stellen jeweils Kontinuität im Team dar, wenn eine in Elternzeit geht. Das passiert gerade bereits das zweite Mal, vor 2 Jahren bei mir – und nun bei Christiane.

Was passiert, wenn du, Christiane, jetzt in Elternzeit gehst?

Christiane: Ich werde für ein Jahr in Elternzeit gehen und plane danach zu Common Purpose im Jobsharing zurückzukehren. Wir haben die Stelle als 50%-Teilzeit-Stelle befristet ausgeschrieben und nur über unser Netzwerk von Trainings-Absolventen verbreitet. Die Bewerbungen waren sehr qualifiziert. Für einige, die „Typ Berater“ waren, war die Befristung im Sinne von Interimsmanagement ansprechend. Für andere war die Teilzeit ansprechend, um nebenher z.B. eine Selbständigkeit aufbauen zu können. Kurzum: es war nicht schwierig, einen neuen, kompetenten Jobsharing-Partner zu finden. Wir sind begeistert von unserer Elternzeitvertretung und freuen uns zudem: endlich mal ein Mann! Was über das Jobsharing und die Vertretung hinaus an Zusammenarbeit möglich ist, wird sich zeigen. Veränderung ist unser Kontinuum. Wir sind zuversichtlich, für alle Beteiligten etwas Attraktives zu finden.

Common Purpose ist ein gemeinnütziges, soziales Unternehmen. Denkt ihr, dass solche Unternehmen generell offener für flexible, mitarbeiterfreundliche Arbeitsmodelle sind?

Julika: Nein. Wir kennen sowohl gemeinnützige Organisationen, die sehr unflexibel in ihren Arbeitsmodellen sind, als auch umgekehrt Wirtschaftsunternehmen, die uns da deutlich voraus sind. Die stärksten Bedenken begegnen uns bei Arbeitgebern, die einen starken Kundenkontakt haben, wie Unternehmensberater oder Anwälte, wo die (bisherige) Erwartung ist, dass der Ansprechpartner rund um die Uhr für den Kunden erreichbar ist.

Was würdet ihr Arbeitnehmern mitgeben, die sich für das Jobsharing Modell interessieren?

Christiane: In unserem Fall erhöht das Jobsharing die Motivation, Produktivität und Gesamtverfügbarkeit deutlich. 0,5 + 0,5 >1. Wir halten es für einen Schlüssel unseres Erfolges im Jobsharing und in unseren jeweiligen Job-Verantwortlichkeiten, unsere Zusammenarbeit selbstverantwortlich gestalten zu können. Ganz wesentlich dabei ist der Aspekt, dass wir nicht gegeneinander konkurrieren, sondern die jeweiligen Beiträge zum Gesamten wertschätzen und uns darin unterstützen im Sinne der Sache gut zu handeln.

Danke euch für das Interview!

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