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Warum die Bauwirtschaft mehr Jobsharing braucht – Interview mit Josef Faßbender

Warum die Bauwirtschaft mehr Jobsharing braucht - Interview mit Josef Faßbender

Dass Jobsharing auch unter Männern – und in der Bauleitung! – funktioniert, dafür ist Josef Faßbender das beste Beispiel. Neben seinem Job als Bauleiter ist er öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Metallbauerhandwerk der Handwerkskammer Aachen und agiert ebenso als zertifizierter Sachverständiger für den vorbeugenden Brandschutz. Sein Wissen gibt Herr Faßbender unter anderem als Fachautor, als Dozent, sowie als Gastredner auf Kongressen und Veranstaltungen weiter. Im Interview hat er uns erzählt, wie er zum Jobsharing kam und warum das flexible Arbeitsmodell in der Bauwirtschaft generell mehr gelebt werden sollte.

Herr Faßbender, Sie haben sich 2 1/2 Jahre eine Stelle geteilt, ohne es explizit „Jobsharing“ zu nennen…

Ja genau! Im Prinzip habe ich in genau mit diesem Model 2 1/2 Jahre lang eine Bauleitung im Bereich Feuerschutztüren geteilt – nur ohne dass wir diesen konkreten Begriff dafür verwendet hätten. Mein Kollege, ebenfalls freiberuflicher Bauleiter, und ich haben uns so aufgeteilt, dass die Baustelle immer besetzt war, in Hochphasen sogar auch samstags und sonntags. Das ist gerade gegen Ende eines Projektes oft erforderlich, kann aber von einem Bauleiter allein kaum geleistet werden.
Mir hat das „Jobsharing“ ermöglicht, in meinem zweiten Beruf als Sachverständiger für Metallbau zu arbeiten. Und es hat tatsächlich sehr gut funktioniert. Wir waren auf einer Wellenlänge, haben uns immer gut abgestimmt. Wir haben von Anfang an ein System vereinbart und ständig nachgebessert, wer was wo ablegt und mit wem kommuniziert, haben Aufgaben klar verteilt aber dennoch übergreifend zusammen gearbeitet.

Was waren für Sie persönlich die größten Vorteile dieser geteilten Stelle?

Ich war entlastet, ganz klar. Ich hatte humane Arbeitszeiten, konnte auch einmal in Urlaub gehen, ohne dass alles zusammenbrach. Ich konnte auch viel besonnener reagieren, Entscheidungen besser durchdenken. Wir haben beide je 40 Stunden gearbeitet und konnten so die in Hochphasen teilweise notwendigen 100 Stunden pro Woche viel besser abfedern – ohne allzu viele Überstunden für den Einzelnen anzusammeln.

War es schwierig, diese 80-Stunden-Stelle bei Ihrem Chef durchzubringen? Auf dem Papier war der Bauleiterposten doch sicher auf 40 Stunden angelegt…

Die Baustelle hatte natürlich eine gewisse Größe, um dieses Volumen zu rechtfertigen. Unser Auftraggeber hat uns vertraut, und wurde in alle wesentliche Schritte einbezogen, bzw. haben wir uns die Freigabe für bestimmte Dinge geholt. Wir hatten eigentlich gar keine Schwierigkeiten, ihn von der Doppelbesetzung zu überzeugen. Letztlich war es für Alle von Vorteil, auch mit einer auf dem Papier verdoppelten Stundenzahl. Wobei Letztere wohl eher eine ehrliche Annäherung an die tatsächliche und auch notwendige  Arbeitszeit war. Ein Projektleiter des Unternehmens, stand ja auch noch zur Verfügung und war als Verantwortlicher mit eingebunden.

Braucht die Bauwirtschaft mehr Jobsharing?

Davon bin ich überzeugt. Jobsharing könnte hier viele Probleme lösen, insbesondere in der Funktion der Bauleitung. Denn ein Bauleiter steht ja zwischen allen Fronten: Er muss seinem Vorgesetzten gerecht werden, den Endkunden zufriedenstellen und auch die oftmals ungelernten Monteure auf der Baustelle koordinieren. So kommt zu dem organisatorischen Aufwand, der zeitlichen und finanziellen Koordination, noch der alltägliche Baustellen-Trubel, der so „nebenbei“ laufen soll, aber es natürlich nicht tut. Es passieren in diesem Bereich so unglaublich viele Fehler, weil man einfach schnell und oftmals mit einem sehr kurzfristigen Horizont handelt. Das führt zu immer mehr Burnout-Fällen in diesem Metier. Allerdings kommt der Zusammenbruch zumeist erst dann, wenn die Baustelle fast oder ganz abgeschlossen ist. Bis dahin funktioniert man, hält man durch.

Im Jobsharing sehe ich großes Potential, hier etwas zu verändern. Man sollte es strategisch nutzen, bei mir war es ja eher ein Zufallsprodukt. Ich bin total überzeugt davon, dass der Erfolg einer Bauleitung – und einer kompletten Baustelle – ein ganz anderer sein könnte, wenn man sich besser organisiert. Wenn man Bauleitungen vernünftiger, mit mehr Personal besetzen würde, würde man mit Sicherheit erfolgreicher sein. Die Objekte könnten ja mit viel weniger Mängeln zu Ende geführt werden, als es gerade tagtäglich passiert. Schnellschüsse, wie wir sie so schön nennen, könnten oftmals vermieden werden, auch Fehler aus Übermüdung. Mit mehr Ruhe und Manpower würde man Dinge vernünftig fertig stellen können und somit schlussendlich eine Menge Zeit und Geld sparen. Baumängel sind teuer, die Beseitigung kostet Zeit und Nerven und endet oft beim Kadi.

Was bräuchte es Ihrer Ansicht nach, damit Firmen in Ihrer Branche Jobsharing einführen – und Bauleiterpositionen vielleicht gezielt so besetzen?

Wir bräuchten erfolgreiche Pilotprojekte, um Umdenkprozesse zum Beispiel bei einem großen Generalunternehmer in Gang zu bringen. Eine Firma, die Projekte bestimmter Größenordnung umsetzt, müsste als Vorbild vorangehen. Ich kenne auch tatsächlich ein Unternehmen, bei dem gerade ein Umdenken stattfindet, dort hat man die Probleme erkannt, allerdings hat auch das Jahre gedauert. Auch hier kam es zu Burn-Out Fällen mit langen Krankenstandszeiten. Es braucht offensichtlich Zeit, dabei müssen gerade wir in der Bauwirtschaft dringend lernen, besser zu delegieren, besser zusammenzuarbeiten, uns besser aufzuteilen. Wir müssen erkennen, dass der Mensch das wichtigste Glied in der Kette ist und akzeptieren, dass Menschen nicht ständig unter Vollstrom arbeiten können, dass sie auch Ruhephasen benötigen. Die Gesundheit ist das höchste Gut und dies erkennen wir zumeist selbst erst dann, wenn es zu spät ist oder wenn im engeren Umfeld Personen davon betroffen sind.

Herr Fassbender, vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview!

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