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5 Vorurteile gegenüber Teilzeit – 5 Lösungen durch Jobsharing

5 Vorurteile gegenüber Teilzeit - 5 Lösungen durch Jobsharing

„Teilzeit“ ist oft sehr negativ behaftet. Sie ist nicht sonderlich sexy, schon gar nicht für Männern. Sie ist eine Karrierefalle, eigentlich für alle. Und: Sie ist oft auf Jobs beschränkt, die eigentlich nicht unsere Traumjobs sind. Zwar steigert Teilzeitarbeit nachweislich die Motivation und Produktivität, doch können auch noch so viele wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse die  Vorurteile gegenüber Teilzeit so richtig entschärfen. Das Jobsharing-Arbeitsmodell aber hat das Potential, den angekratzten Ruf von flexibler Arbeit ordentlich aufzupolieren. Sie salonfähig zu machen, ja sogar sexy! Jobsharing ist wesentlich weniger vorbelastet. Eine Gegenüberstellung.

Der entscheidende Unterschied: Teilzeit vs. Jobsharing

Würde man eine 100%-Stelle in zwei 50%-Stellen teilen und beiden Arbeitnehmern einen abgegrenzten Aufgabenbereich mit keinerlei Berührungspunkten zuweisen, wäre das klassische Teilzeitarbeit (oder auch ein klarer Job Split). Im Jobsharing hingegen würden beide 50%-Kräfte Hand in Hand arbeiten und die Stelle als Team besetzen.

Durch die enge Zusammenarbeit, doppelte Kompetenzen und das 4-Augen-Prinzip werden im Jobsharing-Modell plötzlich auch Stellen teilbar und teilzeittauglich, die es eigentlich  nicht wären, selbst sehr komplexe bis hoch in die Führungsetage. Übrigens gehen viele Jobsharing-Konstellationen auch über die klassische 100%-Stelle hinaus – es geht viel mehr um eine neue Art und Weise, (Zusammen-) Arbeit zu organisieren.

5 Vorurteile gegenüber Teilzeit – 5 Lösungen durch Jobsharing.

  1. Vorurteil: Teilzeit ist weiblich. 
    Teilzeit ist in Deutschland immer noch traditionell weiblich. Während gut jede dritte Frau hierzulande teilzeitbeschäftigt ist, ist es nur jeder 15. Mann (bpb, 2011). Die ungleiche Verteilung beeinflusst das Image von Teilzeitarbeit maßgeblich und verstärkt die Assoziation, Teilzeit sei vorrangig etwas für Frauen. Zur Geschlechterverteilung bei Jobsharing-Stellen gibt es bislang keine zuverlässigen Zahlen. Meiner Erfahrung nach wird Jobsharing noch öfter von Frauen ausgeübt, es gibt aber durchaus auch eine beachtliche Anzahl an Männern, die ihre Stellen teilen. Auffällig ist, dass Männer sehr wohlwollend auf Jobsharing reagieren. Die ersten Anfragen bei Tandemploy.com kamen von Männern, die Resonanz ist bei Frauen und Männern gleichermaßen positiv.
  2. Vorurteil: Teilzeit ist ein Karrierekiller.
    Teilzeit wird noch immer als Karrierekiller betrachtet – und ist es in der Praxis leider auch häufig. Anerkennung und Beförderungen hängen noch viel zu oft mit Präsenz und Quantität zusammen. In vielen Konzernen sind Karrieren an einen vordefinierten Pfad mit bestimmten Stufen gebunden. Teilzeitarbeit ist auf diesen Pfaden in den seltensten Fällen eingeplant und die Entscheidung für Teilzeit somit eine Entscheidung gegen Karriere. Führen in Teilzeit ist eine große Herausforderung und in zahlreichen Positionen und Abteilungen nicht umsetzbar. Der „Kompromiss“, die 80%-Stelle, resultiert nicht selten in 100% (oder mehr) Leistung bei 80% Gehalt und damit in Stress und Unzufriedenheit.
    Im Jobsharing hingegen sind sowohl Führung als auch Karriere realisierbar. Jobsharing wird sogar vorrangig in Führungspositionen und in komplexen Aufgabenbereichen eingesetzt und kommt somit gerade dort zum Einsatz, wo Teilzeit an ihre Grenzen stößt. Topsharing-Tandems und deren Vorgesetzte sprechen gar von einer neuen Qualität der Führung und sehen viele Vorteile in der Besetzung einer Top-Position mit zwei Menschen. Ich kenne Tandems, die sogar mehrfach gemeinsam befördert wurden – das alles spricht für die Vereinbarkeit von Karriere und Jobsharing.
  3. Vorurteil: Wer nur halb da ist, verpasst die Hälfte.
    Wer in Teilzeit arbeitet, verpasst leider oft wichtige Entscheidungen und Meetings beziehungsweise ist es eine Frage des Entgegenkommens und der Flexibilität der Firma, wie sehr der/die Teilzeitbeschäftigte ins tägliche Geschehen involviert und über alles Wesentliche informiert ist. Die Anwesenheitskultur, die in Deutschland bedauerlicherweise immer noch sehr stark gelebt wird, führt dazu, dass Teilzeitkräfte oftmals als „halbe“ Teammitglieder wahrgenommen werden.
    Im Jobsharing ist eine ganze Stelle mit zwei Menschen besetzt. Dadurch ist immer einer da, der für Kollegen und Vorgesetzte ansprechbar ist und den jeweils  anderen über Meetings und Entscheidungen informieren kann. Die enge Kommunikation der Tandempartner untereinander ist für Kollegen, Chefs und für die Jobsharer selbst ein großer Vorteil und stärkt deren Position im Unternehmen.
  4. Vorurteil: Wer nur halb da ist, ist auch nur halb motiviert.
    Ein bemerkenswertes Vorurteil gegenüber Teilzeit, das sich allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz hartnäckig hält: Wer nur halb da ist, ist auch nur halb motiviert. Dieses Vorurteil ist schlicht unhaltbar und wird durch zahlreiche Studien widerlegt (u.a. IAB, 2006). Was man allerdings sagen kann, ist, dass Teilzeitarbeit oft nicht zufrieden stellt. Vor allem Eltern wünschen sich eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, stehen während der Arbeit unter enormem Zeitdruck und fürchten Karrierenachteile (Arbeits-ABC, 2014).
    Beim Jobsharing ist die Motivation der beiden Tandempartner mindestens ebenso hoch wie in klassischer Teilzeit, wenn nicht sogar höher. Jobsharer haben eine sehr hohes Eigeninteresse daran, zu zeigen, dass das Modell funktioniert. Die Wertschätzung, die ihnen mit der Ermöglichung der Arbeitsplatzteilung entgegengebracht wird und die damit verbundene Chance, selbst sehr anspruchsvolle Jobs in geringerer Stundenzahl zu realisieren, motiviert erfahrungsgemäß enorm.
  5. Vorurteil: Teilzeit führt zu Altersarmut.
    Teilzeitarbeit resultiert in einer niedrigen Rente und führt oftmals unweigerlich zu Altersarmut. Dieses Vorurteil ist leider vielfach nicht unbegründet, vor allem, wenn der Teilzeitlohn das einzige Einkommen im Haushalt darstellt und/oder auf einem niedrigen Gehaltsniveau angesiedelt ist. Hinzu kommt, dass die Aufstiegschancen, und somit die Chancen auf ein zukünftig höheres Gehalt, in Teilzeitjobs ebenfalls eingeschränkt sind. Das bedeutet, dass Teilzeitarbeit a) während ihrer Dauer zu niedrigeren Rentenansprüchen führt und b) auch die Chance senkt, zukünftig höhere Rentenansprüche zu erwirken. Jobsharing geht zwar auch mit einem anteilig niedrigeren Gehalt einher, erhöht aber auch die Chancen auf eine Karriere bzw. Beförderung und eine damit einhergehende zukünftige Gehaltserhöhung. Es ist, stärker als Teilzeit, ein Lebensphasenmodell, welches Menschen in bestimmten Abschnitten ihres Lebens flexibles Arbeiten in „ihren“ Jobs ermöglicht. Da Jobsharing oft in hochqualifizierten Jobs eingesetzt wird, sind die Gehaltslevel – selbst mit weniger Wochenarbeitsstunden – meist auf einem recht hohen Niveau. Hinzu kommt, dass die für die Jobsharing-Stellen gezahlten Gehälter oftmals nicht die einzigen Einnahmequellen sind. Viele Jobsharing-Interessierte finden das Modell gerade deswegen anziehend, weil es ihnen die Selbstständigkeit nebenbei oder weitere parallele Projekte in Kombination mit ihrem festen Wunschjob ermöglicht.

Fazit:

Insgesamt betrachtet hat das Jobsharing Modell großes Potential, dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken und vor allem: Menschen nachhaltiges, flexibles Arbeiten in ihren Jobs zu ermöglichen. Jobsharing ist wesentlich positiver besetzt als Teilzeit – und daher auch für viel mehr Zielgruppen attraktiv.

Es bleibt daher zu hoffen, dass Jobsharing eben nicht in die „Teilzeitecke“ geschoben und als bloßes Frauenthema deklariert wird. Jobsharing ist definitiv ein „Menschenthema“ mit der großen Chance, flexibles, lebensphasenfreundliches und selbstbestimmteres Arbeiten für beide Geschlechter und alle Altersgruppen salonfähig zu machen.

3 Kommentare
  1. Farbenfreundin
    Farbenfreundin sagte:

    Schade, aber Deutschland ist noch nicht reif für weniger Arbeiten. Ich hab’s unlängst probiert mit Teilzeit (32 Stunden) und sage: No! Nie wieder.
    Nicht, dass der Arbeitgeber unzufrieden gewesen wäre, nein. Die Kollegen bzw. Kolleginnen. Sie haben es mir geneidet und mich vom Informationsfluss abgeschnitten („Tja, wenn Du halt nicht da bist…“). Schade. So sieht das wahre Leben in den Abteilungen aus.

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    • Jana Tepe
      Jana Tepe sagte:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Es ist bedauerlich, dass Teilzeit in manchen Abteilungen/Firmen noch nicht die Akzeptanz findet, die wünschenswert wäre. Genau in solchen Situationen, wie Sie sie schildern, hätte Jobsharing allerdings einen klaren Vorteil gegenüber klassischer Teilzeit bzw. würde den Kollegen den Wind aus den Segeln nehmen. Die Akzeptanz von Kollegen gegenüber einem Jobsharing-Paar ist unserer Erfahrung nach groß, weil die Stelle komplett besetzt ist und Informationen sehr gut fliessen (die Jobsharer kommunizieren ja eng miteinander). Das Argument würde also nicht ziehen – denn einer wäre tatsächlich immer da und würde den anderen informieren.

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  2. Dr. SWalther
    Dr. SWalther sagte:

    An staatlichen Einrichtungen, insbesondere an Hochschulen, profitieren bislang nur Sachbearbeiter der Verwaltung zu sehr geringen Teilen von Jobsharing-Modellen. Alle, die künstlerisch, wissenschaftlich oder managerial tätig sind (Head of/Leiter von…) dürfen nicht teilen. Es lässt sich generell auch ein Festhalten an alten Traditionen und Privilegien dort kaum mit innovativem Geist beikommen. Dabei werden die Hochschulen auf Jahre hinaus weiter chronisch unterfinanziert bei ihren Personalbudgets unterhalb der Beamten auf Lebenszeit bleiben. Das OECD-Gutachten stellt deutschen Universitäten und Hochschulen eine mittelschlechte Platzierung als Arbeitgeber aus. Da es künftig nicht mehr Geld gibt, wäre Jobsharing/-rotating ein Weg um besonders dem Mittelbau ohne Lebensstelle zu helfen. Leider wird es nicht erwogen obwohl die Dramatik seit 20 Jahren nur steigt und steigt.

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