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Teilzeit in der Unternehmensberatung – Ein Interview mit Jonas Gebauer

Teilzeit in der Unternehmensberatung - ein Interview

Teilzeit ist nur was für Frauen und Alte? Für Mütter, für Wiedereinsteigerinnen, für Menschen, die nach einem ermüdenden Erwerbsleben in Altersteilzeit gehen und endlich wohlverdient durchatmen dürfen? Weit gefehlt oder zumindest – viel zu kurz gedacht! Teilzeit ist für alle da, die nicht in Vollzeit arbeiten möchten oder können. Für alle, die sich mehr Zeit wünschen: Zeit für sich, Zeit für andere, Zeit zum Reisen, Zeit fürs Lernen, Zeit für Anderes, Zeit zum Leben. Ein Interview mit Unternehmensberater Jonas Gebauer.

Dass der Wunsch nach mehr Zeit weder alters- noch geschlechtsabhängig ist, liegt ebenso auf der Hand wie die Erkenntnis, dass Zeit die wertvollste Ressource in unserem Leben ist. Trotzdem schieben wir Teilzeit gerne in die „Frauenecke“ – und die Erholung im Leben ganz nach hinten, eingemottet bis zur Rente. Dass es immer mehr gerade auch junge Menschen gibt, die anfangen umzudenken, ist stark spürbar. Einer, der sich getraut hat, die Gedanken weiterzudenken, ja, sie gegenüber seinem Arbeitgeber auszusprechen, ist Jonas Gebauer. Er ist 29 Jahre alt und arbeitet bei einer bekannten Unternehmensberatung in München. Keine Frau. Und gewiss nicht alt. Im Gespräch hat Jonas uns verraten, wie und wann bei ihm der Gedanke an Teilzeit aufkam und wie er schließlich eine kleine Bewegung bei seinem Arbeitgeber auslöste, als er sich traute, danach zu fragen.

Jonas, du hast dich für Teilzeit entschieden in einer Branche, in der man diese flexible Arbeitsform, naja …. nicht unbedingt als Erstes erwarten würde. Wie kam es dazu?

Zum Jahresende 2011 kam bei mir der Gedanke auf, in Teilzeit zu arbeiten. Ich war und bin mein ganzes Leben lang in diversen Vereinen und Ehrenämtern aktiv. Mit Beginn meiner Beratertätigkeit habe ich dieses Engagement massiv zurückgefahren. Nach einem guten Jahr im aktuellen Job wurde mir klar: Dir fehlt was! Egal, wie herausfordernd und erfüllend Dein Job ist. Ich will meine Vielseitigkeit weiter ausleben können. Bei knapp 60 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche blieben meine Freundin, meine Freunde, meine Hobbies und auch ich selbst irgendwann zu sehr auf der Strecke. Das wollte ich nicht mehr.
Bei Ideen³ – Räume für Entwicklung e.V. arbeite ich mit vielen jungen Menschen aus der so genannten Generation Y zusammen. Wir bieten unter anderem Organisationsentwicklung für mehr Lebendigkeit in Unternehmen und Berufungscoaching für junge Menschen an. Bei uns ist es völlig normal, in Teilzeit oder komplett selbstständig zu arbeiten. Dieses Netzwerk an Gleichgesinnten hat mich stark bei meiner Entscheidungsfindung unterstützt.

Für was hast du dir mehr Zeit gewünscht?

Für mich, meine Freundin, meine Freunde, meine Hobbies wie Klettern und Bergsteigen, meine Weiterbildung zum systemischen Organisationsberater und einige freiberufliche Projekte.
Nachdem ich fast ein Jahr lang kaum Urlaub genommen hatte, begann ich im Frühjahr 2013 eine umfassende Weiterbildung zum systemischen Organisationsberater, die gut 7 Tage Vollzeit pro Monat beansprucht. Mein Arbeitgeber unterstützt dieses Anliegen weder finanziell noch zeitlich, sodass ich bis Sommer 2013 meinen Jahresurlaub in meine Weiterbildung investierte.
Vor meinem Sommerurlaub bin ich gut vorbereitet auf meine Mentorin und meinen Mitarbeiterverantwortlichen (MAV) zugegangen und hatte innerhalb von 2 Tagen die mündliche Zusage, auf Teilzeitbasis arbeiten zu dürfen. Mein MAV meinte nach nicht einmal 10 Minuten am Telefon: „Ich bin kein Arbeitgeber der 60er Jahre. Mach das!“. Etwa 3 Wochen später war auch der schriftliche Vertrag unterzeichnet.

Hattest du vorab Bedenken, das Thema bei deinem Arbeitgeber anzusprechen? Einen gewissen Mut erfordert das ja schon, oder?

Ja, ohne Mut kann ich mein Umfeld nicht gestalten, sondern werde gestaltet. Mein Motto hierzu lautet: „Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.“. Ich habe selbst etwa 3 Monate lang Gründe gesucht und gefunden, warum mein Anliegen nicht funktionieren kann. „Deine Karriere ist damit zu Ende!“, „Deine workaholic-Kollegen werden Dich boykottieren“, „Das funktioniert doch nur auf dem Papier“, „Unsere Unternehmenskultur lässt das nicht zu“ und „Welcher Kunde nimmt Dich schon in Teilzeit?“ waren einige der Gedanken, die mir durch den Kopf schwirrten.
Irgendwann kam der ehrliche Moment in dem ich mir eingestand: „Der einzige Mensch auf der Welt, der verhindert, dass ich in Teilzeit arbeite, bin ich selbst!“ Dann habe ich mich intensiv mit meinen Glaubenssätzen auseinandergesetzt und ich gefragt, was Arbeit, Erfolg, Karriere und Lebensqualität für mich persönlich bedeuten. Wenige Wochen später stand ich, fest überzeugt von meinem Anliegen, bei meiner Mentorin und schon am nächsten Tag hatte ich die mündliche Zusage.

Was waren dann die Reaktionen seitens deines Arbeitgebers und deiner Kollegen?

Meine Kollegen lassen sich grob in drei Lager einteilen. Erstens die „wenn das bei Dir klappt, will ich auch..“-Fraktion, die jetzt wohlwollend und gespannt beobachtet, wie es mir faktisch in meiner Teilzeitstelle geht. Zweitens die Skeptiker („Ich wünsche Dir, dass es klappt! Aber ich kenne niemanden, bei dem es bisher geklappt hat…“) und die dritte Fraktion wartet mehr oder weniger unverhohlen darauf, dass ich grandios scheitere.

Gibt es in deinem privaten Umfeld Unverständnis dafür, dass du in jungen Jahren nicht Vollzeit arbeitest? Wie gehst du damit um?

Nein, in meinem direkten Umfeld gibt es kein Unverständnis. Wenn dann gibt es einige Neider („Du hast es gut. Das hätte ich auch gern.“), die nicht bereit sind, selbst ins Risiko zu gehen und Neues zu wagen.
Auf einer Tagung letzte Woche habe ich mich als Teilzeit-Berater vor- und bewusst provokativ die „21 hours week“ zur Diskussion gestellt. Sofort kam massiver Widerspruch von einigen älteren Herren á la das sei volkswirtschaftliche Ressourcenverschwendung und „nicht akzeptabel, dass der gut ausgebildete Chirurg zukünftig Kindergartenzäune streicht“. Am Ende der dreitätigen Veranstaltung verabschiedete mich einer der größten Kritiker, dem ich für seine Einwände dankte, mit einem Augenzwinkern und den Worten: „Ach wissen Sie, seit ich in Rente bin, lebe ich mit meiner 21 Stunden Woche ganz gut!“

In deiner Firma hast du mit deiner Entscheidung eine kleine Revolution losgetreten. Denkst du, der Wunsch nach mehr Zeit ist ein ganz menschliches und auch wertvolles Bedürfnis und es braucht nur Menschen, die sich trauen, danach zu fragen?

Ja, unbedingt! Viele Mitarbeiter kennen ihre Rechte nicht und haben noch nie von § 8 TzBfG gehört.
Gleichzeitig benötigen wir politische Rahmenbedingungen, die Teilzeitarbeit fördern. Die Sozialversicherungsanteile werden heute beispielsweise für den Arbeitgeber je Angestelltem fällig. Sie sollten zukünftig je geleisteter Arbeitsstunde berechnet werden, damit in diesem Punkt kein finanzieller Nachteil für Arbeitgeber besteht, die Teilzeitarbeit unterstützen.

Danke für deine Zeit!

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