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„Ein Modell für die Zukunft“ – Susanne Broel über Topsharing

Interview über Topsharing

Jobsharing auf Führungsebene – geht das überhaupt und wenn ja, wie? Susanne Broel hat sich 6 Jahre lang die Abteilungsleitung bei einer Bank mit einer Tandempartnerin geteilt. Im Interview erzählt sie uns, wie sie dazu kam, welche Hürden sie überwinden musste und welche Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit Jobsharing funktioniert. Ihre Erfahrungen mit Topsharing teilt sie auch in ihrem Buch Chefposten für Zwei, das in diesem Jahr erschienen ist.

Frau Broel, Sie haben ein Buch über Jobsharing geschrieben, nachdem Sie zuvor selber in diesem Modell gearbeitet haben. Wie kam es ursprünglich dazu, dass Sie sich eine Stelle geteilt haben?

Innerhalb meiner Bank sollte eine neue Abteilungsleiterstelle für Immobiliengroßkunden besetzt werden. Dafür fand sich zum damaligen Zeitpunkt kein Mitarbeiter, welcher die Vollzeitstelle antreten wollte. Meine Kollegin und ich haben uns dann überlegt, ob wir uns nicht gemeinsam auf die Stelle bewerben wollen. Wir haben bereits in einem anderen Projekt zusammen gearbeitet und uns gut ergänzt. Wir hatten beide Lust auf Abteilungsleitung, wollten aber auch unsere Familien nicht vernachlässigen. Wir haben dann bei der Personalabteilung und dem zuständigen Bereichsleiter nachgefragt, ob Ihnen die Idee gefallen könnte. Beide waren von der Idee angetan und gaben uns die Chance ein „Probehalbjahr“ auszuprobieren.

Wie haben Sie Jobsharing dann konkret umgesetzt, wie haben Sie sich aufgeteilt?

Wir hatten das Glück, dass unsere Personalabteilung uns einen Coach für die ersten Wochen zur Verfügung gestellt hat und wir so im Vorfeld unsere Ideen und Vorstellungen hinsichtlich Personalführung, Arbeitsweise und Zeiten abgleichen konnten. Wir haben den Mitarbeitern freigestellt, mit wem sie gerne über Personalprobleme sprechen wollen und haben eine lose Aufteilung der 20 Mitarbeiter vorgenommen.
Einzelne Fachbereiche haben wir je nach Interessenslage aufgeteilt. So war z.B. meine Kollegin für die Belange der Revision zuständig und ich habe mich um die rechtliche Seite der Arbeit gekümmert. Die Kunden haben wir nicht aufgeteilt, da wir eine jederzeitige Ansprechbarkeit gewährleisten wollten. Dazu haben wir uns wichtige Dinge per Mail am Ende eines Arbeitstages zugesandt. Wir sind beide jeweils 3 Tage in die Bank gekommen mit 60% Arbeitszeit und haben uns an einem Tag überschnitten und dann alle offenen Sachverhalte geklärt.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Bedingungen dafür, dass ein Tandem gut zusammenarbeitet?

Gleiche Grundwerte und Arbeitsweisen sind aus meiner Erfahrung heraus sehr wichtig. Genauso wie ein gemeinsames Ziel. Wenn einer der Partner z.B. das Ziel Karriere verfolgt und der andere Partner mit der Abteilungsleitung zufrieden ist, kann es zu Konflikten kommen, wenn dieses nicht im Vorfeld geklärt ist. Auch sollte klar sein, dass es sich um ein Modell auf Zeit handelt. Da sollten die Partner auf jeden Fall schon zu Beginn über ihre Erwartungen und Vorstellung sprechen.
Weiteres gilt für den Umgang mit dem Personal (wir haben uns ja eine Leitungsstelle geteilt). Hier sollte ein ähnliches Grundverständnis bestehen. Und besonders wichtig ist die Wertschätzung und Achtung des jeweils Anderen. Auch die offene, wertschätzende, konstruktive und ehrliche Kommunikation ist für eine gute Zusammenarbeit unerlässlich.
Dann haben wir auch nie die getroffenen Entscheidungen der jeweils Anderen angezweifelt und entsprechend umgesetzt – auch wenn wir mal anderer Meinung waren – wurde das immer im 4 Augengespräch geklärt und nie mit Dritten. So haben wir uns eine gute Vertrauensbasis geschaffen, welche im Jobsharing zwischen den Partnern bestehen muss.

In Ihrem Fall war das Jobsharing gleichzeitig Topsharing, da Sie sich eine Führungsrolle geteilt haben. Was für Besonderheiten gibt es beim Teilen einer Leitungsfunktion? Ist Jobsharing auf diesem Level besonders vorteilhaft – oder besonders schwierig?

Neben der „ganz normalen Arbeit“ kommt beim Topsharing die Personalführung und auch die höhere Verantwortung sowie Entscheidungen treffen hinzu. Da müssen dann zwei Menschen im Zweifel den „Kopf“ für eine falsche Entscheidung hinhalten. Und da ist es besonders wichtig, dass die Beiden dann auch zusammen stehen und sich nicht gegenseitig ausspielen.
Ich finde Topsharing sehr vorteilhaft, da die Anforderungen an Führungspersonen immer weiter steigen und eine Verteilung der Last auf zwei Schultern für einen besseren Ausgleich sorgen kann. Hinzu kommt noch, dass Führungskräfte häufig „alleine“ sind. Absprachen mit anderen Führungskräften sind nicht immer so vertrauensvoll wie gewünscht und können zu Irritationen führen. Wenn ich einen verlässlichen Partner mit der selben Verantwortung habe, ist der Austausch möglich und neue Ideen können im Team besser erarbeitet werden. So war es zumindestens bei uns.
Schwieriger war auf jeden Fall zu Beginn die Akzeptanz von allen Beteiligten: die anderen Führungskräfte, der Vorgesetzte und die Mitarbeiter. Teilweise kam es auch zu Versuchen uns auszuspielen: Fr. Broel hat doch aber gesagt, dass… Das konnten wir relativ schnell unterbinden und die Beteiligten für uns gewinnen. Nach aussen haben wir immer mit einer „Zunge“ gesprochen, wir kannten uns nach kurzer Zeit auch so gut, dass wir wußten, ob der Dritte die Wahrheit sagt oder vielleicht eine verzerrte Sicht auf die Dinge wiedergibt.
Unseren Vorgesetzten haben wir mit dem Modell so begeistert, dass nach uns noch zwei weitere Topsharing-Paare an den Start gingen.

Gab es Vorurteile oder Zweifel bei Ihrem Arbeitgeber, die Sie erst aus dem Weg räumen mussten? Wie haben Sie diese entkräftet? Gab es personaladministrative oder rechtliche Hürden?

Zu Beginn gab es eine Menge Zweifel, glücklicherweise arbeite ich bei einer sehr innovativen und dem Personal zugewandten Bank, welche uns eine Chance gegeben hat. Häufiger Punkt war die Kommunikation: informieren wir uns gegenseitig genug und unseren Chef, gibt es evtl. Streitigkeiten zwischen uns und ein Dritter muss eingreifen. Wie geht das Personal mit der veränderten Situation um? Können wir unseren Kunden gerecht werden?
So waren in der Anfangszeit die Fragen. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Bedenken dann in Wohlgefallen aufgelöst, da alle Beteiligten gesehen haben, dass es keine Probleme gibt. Auch die Mitarbeiter sind mit den Gegebenheiten super klar gekommen und hatten jetzt noch die Möglichkeit mit zwei Personen über ihre Probleme zu sprechen. In der Anfangszeit glühten unsere Telefone allerdings schon ein wenig, bis wir für uns die wesentlichen Dinge festgestellt haben. Da wir aber beide mit vollem Engagement an die Sache ran gegangen sind, hatten wir viel Spaß und keine Probleme mit der „Arbeit“ während unserer freien Tage. Eine Verfügbarkeit von uns war immer gegeben. Auch haben wir uns in der ersten Zeit in Krankheitsfällen ausgeholfen, so dass die Abteilungsleitung gerade in der Anfangszeit immer besetzt war. Zu Spitzenzeiten konnten wir auch gemeinsam arbeiten und haben so viele Projekte gestemmt.
Das Thema höhere Kosten spielte bei der Besetzung keine Rolle, wir haben 0,2 Mitarbeiterkapazitäten aus dem normalen Stellenplan für die Abteilungsleitung übernommen. Da wir zu zweit waren, brauchten wir viele Dinge nicht auf die Mitarbeiter delegieren und konnten so einen sinnvollen Ausgleich schaffen.
Da wir beide bereits Mitarbeiterinnen des Unternehmens waren, gab es ausser der Zeitanpassung keine Veränderung unserer Arbeitsverträge, unser Gehalt wurde nach der Probezeit auf gleiches Niveau angepasst. Wir haben beide ein AC durchlaufen und unsere Eignung als Leiterinnen bewiesen und auch sämtliche Seminare für Führungskräfte besucht. Einzig Seminare zu unseren besonderen Schwerpunkten wurden individuell besucht.
Wir haben jeweils eine gemeinsame und einzelne Zielvereinbarungen erhalten, so dass wir Bonuszahlungen im Verhältnis zu beiden Leistungen bekommen haben. Aus meiner Sicht haben wir uns hier auch nicht schlechter gestellt als „normale“ Führungskräfte, da die vereinbarten Ziele und die Einzelziele zu großen Teilen kompartibel waren.

Sie arbeiten jetzt nicht mehr im Jobsharingmodell. Können Sie sich vorstellen, irgendwann noch einmal Ihre Stelle zu teilen?

Auf jeden Fall mit dem richtigen Partner! Für mich ist das ein Modell für die Zukunft.

Was würden Sie Jobsharinginteressierten mit auf den Weg geben?

Wichtig ist, dass die Chemie zwischen den Partnern stimmt und offen miteinander gesprochen wird sowie die Vorstellungen im Vorfeld genau geklärt werden. Das ist wie in jeder guten Ehe, das A und O einer tollen Partnerschaft. Und um genau so etwas handelt es sich ja auch im Jobsharing!

Frau Broel, vielen herzlichen Dank für das Interview!

 

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