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Geteilte Assistenzprofessur – Jobsharing an der Universität

Jobsharing an der Universität - ein Interview

Ein Modell nicht nur für die freie Wirtschaft – es gibt auch Jobsharing an der Universität! Lucia Malär und Bettina Nyffenegger teilen sich eine Assistenzprofessur am Institut für Marketing und Unternehmensführung der Uni Bern und sind damit Vorreiterinnen in der Schweiz. Im Interview haben sie uns erzählt, was sie zu einem guten Team macht und dass vom Jobsharing-Modell in diesem Falle alle profitieren, ihre Familien, sie selber – und natürlich auch die Studierenden.

Lucia und Bettina, ihr habt gemeinsam eine Assistenzprofessur an der Uni Bern inne. Ist diese Position gut teilbar, was sind eure Erfahrungen bisher?

Bettina: Die Stelle eignet sich in vielen Aspekten sehr gut zum Teilen. Die Lehre zum Beispiel ist sehr gut teilbar. Wir bieten Veranstaltungen zwar gemeinsam an, teilen uns aber nach Themenbereichen auf und halten dann einfach im Wechsel die einzelnen Vorlesungen. Bachelor- und Masterarbeiten verteilen wir untereinander und auch die Forschung im Team macht absolut Sinn und Freude.

Lucia:  Es gibt tatsächlich viele Aufgaben bei uns, die sehr gut teilbar sind. Allerdings gibt es auch immer wieder Bereiche, in denen wir uns bewusst nicht aufteilen, sondern gemeinsam auftreten. Internationale Konferenzen sind so ein Fall: Hier sollten wir beide sichtbar sein und gehen also meistens gemeinsam hin. Es ist ja auch schön, mal was zusammen zu machen :). Eine weitere Herausforderung, die unsere geteilte Assistenzprofessur mit sich bringt, ist, dass wir natürlich auch nur die Hälfte der Zeit für Forschung haben und dementsprechend weniger Veröffentlichungen erreichen als andere, mit denen wir vielleicht später um eine Professur konkurrieren. Unsere Qualifizierungsstelle ist auf 6 Jahre befristet, sodass wir uns danach auf eine Professur neu bewerben müssen.

Was ist der Grund dafür, dass ihr euch für Jobsharing entschieden habt?

Bettina: Ich habe seit einem Jahr eine Tochter. Als wir mit dem Jobsharing anfingen, habe ich bereits vorausgeplant und eine Stelle gesucht, die sich später mit dem Kinderwunsch vereinbaren lässt. Zudem erlaubt mir die Teilzeitanstellung auch, einen engen Bezug zur Marketingpraxis zu pflegen. Ich hatte in den letzten zwei Jahren die Chance, für ein Großhandelsunternehmen im Zweiradbereich eine neue Fahrradmarke aufzubauen – ein Projekt, welches ich auch mit Assistenzprofessur und Familie weiter begleite.

Lucia: Der ausschlaggebende Grund war auch bei mir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich habe zwei kleine Kinder und kann auf diese Weise viel Zeit mit ihnen verbringen.

Ihr teilt euch die Assistenzprofessur 50/50 auf. Wie oft seid ihr gemeinsam an der Uni?

Lucia: Mindestens an einem Tag in der Woche sind wir gemeinsam da, meistens am Mittwoch, oft auch noch an anderen Tagen. Außerdem telefonieren wir viel und sind auch sonst ständig in Kontakt.

Gab es an der Uni erst Vorurteile oder Zweifel, die ihr erst einmal aus dem Weg räumen musstet?

Lucia: Von unserem Direktor wurden wir von Anfang an glücklicherweise sehr unterstützt. Er hat unsere Entscheidung komplett mitgetragen. Andere hatten teilweise Vorurteile, waren sich nicht sicher, wie das klappen soll. Auch von Seiten der Unileitung gab es Bedenken. Was ist zum Beispiel, wenn eine geht? Diese Sorge konnten wir allerdings aus dem Weg räumen, indem wir vereinbart haben, dass, wenn eine geht, die andere die Stelle in Vollzeit übernimmt oder ebenfalls geht.

Bettina: Wir selber waren auch von Anfang an überzeugt, dass es funktionieren wird. Unsere Kommunikation war aber vielleicht nicht von Beginn an klar. Wir haben uns einzeln beworben und lediglich das Anliegen geäußert, dass wir die Stelle am liebsten gemeinsam antreten würden. Das war vielleicht nicht deutlich genug und unsere Absicht nicht direkt allen ersichtlich. Beim nächsten Mal würden wir uns nur noch komplett gemeinsam bewerben. Eine Bewerbung, ein Anschreiben.

Ist Jobsharing für euch ein Modell für die jetzige Lebensphase – oder könnt ihr es euch auch längerfristig vorstellen?

Lucia: Ich kann mir gut vorstellen, dass das Modell für mich auch später noch seinen Reiz haben wird. Zwei Tage in der Woche für andere Projekte und Interessen zu haben, daran kann man sich einfach gewöhnen. Allerdings bin ich gar nicht der Typ, der darüber nachdenkt, was in 20 Jahren ist. Das kann sowieso niemand vorhersehen. Was allerdings immer gegeben sein muss, damit Jobsharing überhaupt in Frage kommt, sind die finanziellen Möglichkeiten. Wäre ich alleinerziehend, würde es zum Beispiel nicht gehen.

Bettina: Da stimme ich dir voll zu und auch wenn man tatsächlich keine 20 Jahre in die Zukunft schauen kann, kann ich mir vorstellen, dass ich Jobsharing noch interessant finden werde, wenn die Kinder bereits erwachsen sind. Das Jobsharing in dieser Form bietet mir einen sehr spannenden Job und gleichzeitig die Möglichkeit, auch andere Projekte und Dinge zu verwirklichen, für die es sich lohnt, Zeit zu haben…

Was sind für euch persönlich die größten Vorteile vom Jobsharing? Was sind die besonders schönen Momente in eurem Alltag?

Bettina: Besonders schön ist es, wenn wir einen gemeinsamen Erfolg erzielen und ein Forschungsprojekt von uns zum Beispiel in einem Journal veröffentlicht wird. Generell finde ich es gut, dass wir uns gegenseitig challengen können und uns auch gegenseitig hinterfragen, was gerade im Bereich der Forschung sehr vorteilhaft ist.

Lucia: Es ist einfach sehr angenehm, einen Sparringpartner zu haben, der auf der gleichen Ebene ist, wie man selber. Beide sind im Thema drin und man kann sich ständig austauschen und von den Kompetenzen und Gedanken des anderen profitieren.

Was sind die täglichen Tücken, die ihr beide im Team meistern müsst?

Bettina: Richtige Tücken gibt es eigentlich gar nicht. Wir müssen uns eben gut absprechen und gegenseitig informieren, aber das ist nicht weiter problematisch – wir tauschen uns sowieso ständig aus!

Was glaubt ihr sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Jobsharing? Welche Charaktereigenschaften sind besonders förderlich, welche vielleicht eher hinderlich?

Lucia: Am allerwichtigsten ist die persönliche Ebene. Wenn man sich nicht sympathisch ist, bringt jedes Jobsharing nichts. Die zweite, sehr wichtige Voraussetzung ist, dass man die institutionelle Unterstützung hat. Was auf persönlicher Ebene gar nicht geht, ist wenn man anderen nichts gönnt, ein Egoist ist. Man muss definitiv teilen können. Und auch wenn das Teilen etwas ist, dass wir versuchen, unseren Kindern frühstmöglich beizubringen, gibt es viele Erwachsene, die es nicht können.

Bettina: Kompromissbereitschaft ist auch ganz wichtig. Wenn beide stur sind und zwei Alphatiere aufeinander treffen, dann kann es denke ich nicht funktionieren.

Lucia: Wir beiden ergänzen uns zum Beispiel charakterlich sehr gut. Bettina ist die Zuverlässige, die exakt Denkende. Sie ist meist besonnener und ruhiger als ich.

Bettina: Lucia ergreift gerne die Initiative und bringt neue Ideen und Vorschläge ein. Da passen wir also gut zusammen.

Wie sind denn die Reaktionen eurer Studierenden? Merken die überhaupt, dass etwas anders ist, oder nehmen sie die geteilte Stelle als gegeben hin?

Bettina: Die Studierenden kriegen unser Jobsharing insofern mit, als dass wir Lehrveranstaltungen gemeinsam anbieten. Aus dem Feedback einiger Studierender wissen wir auch, dass sie es als abwechslungsreich empfinden, wenn sie gleich zwei Dozentinnen haben.

Vielen herzlichen Dank für eure Zeit! 

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