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Ein Zukunftsmodell – Jobsharing bei Seinfeld Professionals Infrastruktur

Ein Zukunftsmodell - Jobsharing bei Seinfeld Professionals Infrastruktur. Interview

Sophie Martinetz (rechts) und Bettina Stomper-Rosam

Sophie Martinetz teilt sich die Geschäftsführung von Seinfeld Professionals Infrastruktur mit ihrer Kollegin Bettina Stomper-Rosam. Das Unternehmen bietet Dienstleistungen und Infrastruktur für Anwälte und Anwältinnen in Wien und setzt somit auch auf ein neues Arbeitsmodell für alle, die eben nicht mehr am klassischem 80-Stunden-Anwaltsalltag-Modell festhalten. Ein Interview über das Zukunftsmodell Jobsharing mit Sophie Martinetz.

Wie lange üben Sie Ihren Job bereits als Tandem aus und wie sind Sie zum Jobsharing gekommen?

Wir machen das seit zwei Jahren und wussten von Anfang an, dass wir das so machen wollen. Ich komme aus der Corporate Welt und Frau Stomper aus der Rechtsanwaltei. Wir haben uns bewußt für einen inhaltlich interessanten Job, zu unseren eigenen Konditionen, entschieden.

Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag als Jobsharer vorstellen? Wie teilen Sie sich die Vollzeitstelle auf?

Neue Zeiten brauchen neue Strukturen – wir leiten zu zweit Seinfeld Professionals, eine Infrastruktur-Firma für flexible Professionals, die u.a. das Kanzleimanagement für die Anwaltskooperation Northcote.Recht bereitstellt. Wir bei Seinfeld beschäftigen uns viel mit dem Thema „Zukunft der Arbeit“ und setzen es auch um.
Diese Aufgabe würde von einer Person 150 % Kapazität brauchen, als Tandem können wir das dem Unternehmen sehr gut bieten. Wir haben klare Aufgaben und sprechen uns zu den allerwichtigsten Dingen ab. Wir haben aber nicht den Anspruch, dem anderen wieder alles zu erklären, sonst hätten wir wieder zu wenig Zeit. Wenn ich nicht da bin, dann entscheidet Bettina auch meine Bereiche und damit muss ich leben können ;-). Und umgekehrt. Das heißt aber auch für das Unternehmen, dass es nie einen Entscheidungsengpass gibt. Einer von uns ist immer erreichbar. Ausserdem haben wir gute MitarbeiterInnen, die selber entscheiden, was zu tun ist. Ich werde eigentlich nur selten bei operativen Themen gefragt – und das mag ich auch so. Vertrauen muss man sich bei uns nicht verdienen – Vertrauen hat man.

Gibt es bei Northcote.Recht andere Anwälte, die als Jobsharer tätig sind?

Im Moment haben wir keine Anwälte, die Jobsharing machen. Aber das wäre sicher eine gute Möglichkeit.

Wie kommt das Modell bei Ihren Kolleg*innen an?

Das Modell kommt gut an, da es die Kapazitäten und die Blickrichtungen verdoppelt. Alle Rechtsanwält*innen arbeiten bei uns flexibel. Wir sind Output und nicht Input getrieben und wir lassen die Anwesenheitskultur hinter uns.

Welche Vorteile sehen Sie im Jobsharing für sich persönlich?

Ich kann inhaltlich interessant arbeiten und muss mich zeitlich nicht aufopfern. Denn mein Leben ist bunt und Arbeit ist ein wichtiger Teil davon, aber nicht alles.

Welche Vorteile können sich auf Basis Ihrer Erfahrungen für Arbeitgeber ergeben?

Top-Leute und vor allem Männer und Frauen der nächsten Generation im Unternehmen zu halten und ihr Potential, ihr Wissen und ihre Erfahrung langfristig zu nutzen. Es ist ja auch wirklich nicht so schwer, aber man muss es einfach tun.

Welche Hürden bemerken Sie in Ihrem beruflichen und privaten Umfeld gegenüber dem Thema Jobsharing? Was sagen die Skeptiker und wie begegnen Sie Ihnen?

Häufig kommen die Fragen: Wie soll das gehen, mit wem spreche ich dann, was, wenn sich die zwei streiten, was wenn eine nicht performed, etc. Das sind alles relevante Themen, haben aber nichts mit Topsharing, sondern mit normaler Mitarbeiterführung zu tun. Alles andere ist eine Ausrede und Angst vor dem Unbekannten. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Mut!

Als ein mögliches Totschlagargument gegen Jobsharing wird oft die zusätzliche Schnittstelle, der erhöhte Kommunikations- und Abstimmungsaufwand genannt – was halten Sie dem entgegen?

Die Aufgabenbereiche müssen konkret sein und auch eingehalten werden. Wenn einer nicht da ist und der andere entscheidet, müssen diese Entscheidungen auch für alle ok sein. Auch dann, wenn man sie selber anders getroffen hätte. Die Chemie zwischen den beiden Jobsharern muss stimmen, sonst geht es nicht. Und Konflikte müssen offen und erwachsen ausgetragen werden. Aber das ist doch eigentich alles Teil einer normalen Arbeitsbeziehung. Aber nicht alle Chefs wissen, was sie eigentlich wirklich von ihren MitarbeiterInnen erwarten und was deren Aufgaben sind. Der Fisch stinkt also vom Kopf.

Wäre Ihr derzeitiger Job auch als Teilzeitstelle in dieser inhaltlichen Art und Weise machbar?

Nein, das wäre zu wenig Kapazität für diese Gesamtausgabe.

Für wen ist Jobsharing geeignet? Für wen nicht?

Jobsharing ist für viele Jobs geeignet, man muss den Job aber auch bewusst und strukturiert den Maßnahmen anpassen. Ist Jobsharing für Sie ein Arbeitszeitmodell der Zukunft? Wenn ja, warum?

Ist Jobsharing für Sie ein Zukunftsmodell? Wenn ja, warum?

Ja, denn die Menschen haben viel zu tun im Leben – alte Eltern, junge Kinder, Aktivitäten für das Gemeinwohl, Arbeit. Um das alles unter einen Hut zu bringen braucht es Flexibilität und wirkliches Commitment. Wer gute MitarbeiterInnen möchte, muss auf diese Trends in der Gesellschaft eingehen. Das betrifft Männer und Frauen. Und was bedeutet schon Wohlstand – für viele wird heute Zeit immer wichtiger.

Wie hoch schätzen Sie die Bereitschaft in Österreichs Unternehmen, dass Jobsharing in naher Zukunft Einzug in die Personalabteilungen hält? Gibt es in Bezug auf flexible Arbeitszeitmodelle noch Nachholbedarf?

Jedes Unternehmen sieht das anders. Es gibt immer mehr, die es ausprobieren. Ich würde mir wünschen, dass der Trend bald im Mainstream ankommt – mehr Mut also.

Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview! 

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