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#ChangeAgent Christine Müller von Gärtner Datensysteme – Vertrauen statt Misstrauen.

Change Agent Christine Müller

Bei der Gärtner Datensysteme GmbH & Co. KG ist New Work eine „olle Kamelle“. Auf ganz natürlichem Weg und ohne es immer so zu benennen, haben sie viele New Work-Prinzipien schon bei ihrer Gründung 1992 mitgedacht. Von den 16 fast ausschließlich männlichen (!) Mitarbeitern arbeiten 9 in Teilzeit. Vollzeitnahe Teilzeit, Homeoffice, 4-Tage-Woche, ein einheitliches Gehaltsniveau und verschiedene Open Space Formate – alles Standard bei Gärtner. Zudem gibt es keine klassische Budgetierung und keine Zielvereinbarungen, Zahlen werden transparent kommuniziert und Entscheidungen werden im gemeinsamen Gespräch getroffen. Viele gute Gründe, Christine Müller und Gärtner Datensysteme hier als #ChangeAgent vorzustellen. Wir haben mit Christine, Gesellschafterin, über Vorurteile gegenüber Teilzeitarbeit, New Work und die neue Arbeitswelt gesprochen.

Flexibilität spielt bei euch eine große Rolle. Wie kam es dazu und was begeistert euch daran? Welche Arbeitszeitmodelle bietet ihr bei euch an?

Die Idee, flexibel arbeiten zu können, war schon bei Gründung ein wichtiger Pfeiler. Alle vier Gesellschafter hatten von Anfang an geplant, später einmal weniger Stunden zu arbeiten. Neben dem Klassiker „Zeit für Kinder“ gab es den Wunsch, mehr Zeit für Aktivitäten außerhalb der Arbeit zu haben für Sport, Musik machen – oder einfach freie Zeit. Nach arbeitsamen Anfangsjahren haben die Chefs diese Idee 2002 umgesetzt.  Alle vier Gesellschafter haben reduziert. Einer schwingt sich seitdem in den Sommermonaten mittwochs aufs Rennrad.  Zwei arbeiten jeweils eine Woche halbtags, die andere Woche ganztags – also im Schnitt 30 Stunden. Einer hat eine Weile klassisch halbtags gearbeitet und ist mit älter werdenden Kindern nun wieder bei 35 Stunden.

Aus unserer Grundhaltung heraus haben wir auch den Angestellten die Wahl gelassen, wieviel sie arbeiten wollen.  Von Anfang an haben Mitarbeiter so viel gearbeitet, wie sie wollten: an vier Tagen pro Woche, sieben Stunden an fünf Tagen oder fünf Stunden an vier Tagen. Von 16 MitarbeiterInnen arbeiten 9 in Teilzeit, jedeR in einem individuellen Modell.

Die MitarbeiterInnen in Vollzeit sind also in der Minderheit. Auch bei ihnen ist uns die Freizeit wichtig, so dass sie pro Monat einen Extratag Urlaub erhalten. Das macht 42 freie Tage im Jahr.

Da unsere Arbeit rechnerbasiert ist, ist das Arbeiten auch von zu Hause prinzipiell möglich und einige Mitarbeiter nutzen es sporadisch. Einer unserer Mitarbeiter ist an zwei Tagen am Heimarbeitsplatz in einer anderen Stadt, an drei Tagen arbeitet er im Braunschweiger Büro. Die drei Tage mit den Kollegen sind für alle wichtig, der persönliche Kontakt wird geschätzt.

Teilzeitarbeit wird häufig noch mit Frauen und Familiengründung assoziiert. Bei euch arbeiten ja fast nur Männer. Ihr beweist also, dass das Modell durchaus auch für Männer interessant ist. Wie sind eure Erfahrungen damit?

Für die drei männlichen Chefs kam nichts anderes in Frage. Einer unserer Chefs ist überzeugt, dass er durch die Zeit mit seiner Tochter wichtige neue Erfahrungen gemacht hat, die seinen Blick sehr erweitert haben. Er bewertet es als eine positive Entwicklung, von der das Unternehmen profitiert hat.

Ein Mitarbeiter hat nur bei uns angefangen, weil wir ihm weiterhin einen freien Tag pro Woche zugesichert haben. Unsere einzige „klassische“ Halbtagskraft ist ein männlicher Single, der einfach nicht mehr so wahnsinnig viel arbeiten wollte wie früher. Er hatte bei seinem vorherigen Arbeitgeber gekündigt, weil der nicht offen war für Arbeitszeitmodelle abseits der Vollzeit.

Grundsätzlich bedeutet Teilzeitarbeit ja lediglich, dass man weniger Zeit im Unternehmen erreichbar ist. Da man die Erlaubnis erhält, so zu arbeiten, wie es gerade gut passt, wird das Engagement eher größer. Die Mitarbeiter sind entspannter.

Terminabsprachen erfordern eine gute Abstimmung. Bei uns sind die Arbeitszeiten allen bekannt, Termine werden so gelegt, dass alle Personen am Gespräch teilnehmen können. Aus unserer Erfahrung funktioniert das gut, da Teilzeitarbeit akzeptiert ist. Auch bei einem Unternehmen mit überwiegend Vollzeitstellen sind die Kollegen ja ebenfalls nicht immer erreichbar: neben Krankheit und Urlaub, gibt es Gesprächstermine in anderer Runde oder Projektarbeiten außer Haus.

Flexibel und mit Vertrauen - Interview mit Christine Müller

Gruppenbild, Teilzeitgeschäftsführer der Firma Gärtner Datensysteme. V.l.n.r. Martin Neitzel, Christine Müller, Ulrich Schwarz, Stefan Gärtner.

Auf eurer Website steht „Flache Hierarchien, Eigenverantwortung und gemeinsame Entscheidungen bestimmen unser Miteinander. Wir sind alle „Entscheider“.“ Wie sieht das in der Praxis genau aus?

Bei uns werden Entscheidungen nicht getroffen, sie entstehen. Klingt erstmal komisch. Es funktioniert so: Eine Person bringt ein Thema auf, das im Alltag auftaucht, sei es durch die Anfrage eines Kunden, weil ein technisches Problem zu lösen ist oder weil jemand eine Idee hat. Üblicherweise besprechen wir das Thema mit den Personen, die kompetent und interessiert sind. Diese Besprechungen sind oft spontan und finden am Schreibtisch eines Kollegen oder bei der Kaffeemaschine in der Küche statt. Personen, die wichtig für das Thema sind, werden dazugeholt. Dabei werden viele Argumente für oder gegen die einzelnen Lösungswege benannt. In der Gruppe reift nach einem oder mehreren Gesprächen eine Entscheidung, welcher Weg derzeit am sinnvollsten einzuschlagen ist. Dieser wird beschritten und wenn neue Entscheidungen getroffen werden müssen, wird erneut beraten. Gegebenenfalls werden weitere Menschen um ihre Meinung gebeten, eventuell wird die Richtung korrigiert. Diese Art der Entscheidungsfindung ist erstaunlich schnell und zielführend.

Diese Methode, die wir intuitiv seit Jahren anwenden, wird in der Literatur als „konsultativer Einzelentscheid“ bezeichnet.

Wenn ihr eine Sache am Arbeitsmarkt sofort verändern könntet, welche wäre das?

Das flexible Aufstocken von Teilzeit auf mehr Arbeitsstunden ist bisher in individuellen Verhandlungen möglich.  Es wäre toll, wenn es dazu eine gesetzliche Regelung gäbe.

Minijobs stehen wir kritisch gegenüber. 450-EUR-Jobs haben den Effekt, dass viele dauerhaft weniger arbeiten als möglich. Viele Menschen arbeiten lieber nur bis zur Geringfügigkeitsgrenze bis zur der es keine Abzüge gibt.  Mehrarbeit über 450,- EUR hinaus oder eine reguläre, versicherungspflichtige Halbtagsstelle ist dann mit vergleichsweise hohen Abzügen belegt. Auf Unternehmerseite werden – etwa im Einzelhandel – weniger reguläre Stellen angeboten. Das beides führt zu gesellschaftlichen Problemen im Bereich der Sozialversicherungssysteme.

Wie sieht für euch ein Unternehmen aus, das für die „Arbeitswelt von Morgen“ gewappnet ist?

Kurz gesagt: Vertrauen statt Misstrauen.

Anstelle der weit verbreiteten Kontrollfunktionen werden unserer Einschätzung nach Unternehmen Wettbewerbsvorteile haben, die ihre Mitarbeiter auch „einfach mal machen“ lassen. Im Gegensatz zu den Anfängen der Industrialisierung haben wir heute eine Gesellschaft mit durchweg gut ausgebildeten Arbeitnehmern. Es ist nicht mehr sicher, dass eine Führungskraft Dinge besser entscheiden kann, weil sie mehr weiß. Oft genug sitzt die Kompetenz, entscheidende Dinge umzusetzen, an anderer Stelle im Unternehmen. Unternehmen, die dieses vorhandene Potential nutzen können, sind im Vorteil.

Heute ändern sich Märkte sehr schnell, daher muss man auch schnell auf veränderte Situationen reagieren. Dies wird Unternehmen besser gelingen, bei denen die Entscheidungswege diesem Umstand angepasst sind.

Vielen Dank für deine Zeit und das schöne Interview!

In unserer Rubrik #ChangeAgents stellen wir Menschen und Unternehmen vor, die uns ermutigen, etwas anzupacken und zu verändern. Starke Köpfe, die sich mit viel Leidenschaft für eine menschlichere Arbeitswelt einsetzen und damit ein Umdenken in Gang bringen und Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten. Unsere #ChangeAgents sind Vorbilder, Querdenker, Multiplikatoren und Andersmacher.

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