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Sind wir zu individualistisch für Teamwork in Firmen?

44 Fragen zur Arbeitswelt.

In vielen Unternehmen wird Teamwork groß geschrieben. Sozialkompetenz ist eine wesentliche Eigenschaft, die für jeden Job erforderlich ist. Wohl kaum jemand würde von sich behaupten, dass er nicht teamfähig ist. Schließlich ist die Fähigkeit mit anderen Menschen zusammen arbeiten zu können eine in jeder Jobausschreibung geforderte Eigenschaft, die es zu erfüllen gilt. Teamarbeit ist sicherlich essentiell und führt zu Erfolgen für das Unternehmen. Erachten aber wirklich all die Unternehmen Teamfähigkeit als absolut relevant und binden diese aktiv in den Berufsalltag ein? Und wie können Kinder, Jugendliche und Erwachsene Teamfähigkeit und Sozialkompetenz erlernen, wenn das Bildungssystem von Konkurrenzdenken geprägt ist?

Wo bleiben Gemeinsinn und Loyalität?

Bereits im Kindesalter steht die Entwicklung von Durchsetzungsvermögen zur Vertretung individueller Interessen im Mittelpunkt der Erziehung. Nur so können die Ziele der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung in unserer „Ellbogengesellschaft“ erreicht werden. Hinzu kommt der enorme Leistungsdruck, spätestens dann, wenn es in die Schule geht – denn ohne den 1er-Schnitt gibt es den begehrten Studienplatz nicht. Die Notenvergabe basiert in größten Teilen auf erbrachten Leistungen in Klausuren und mündlichen Beteiligungen – individuell bewertet natürlich. In der Uni geht es anschließend ähnlich zu. Zudem fehlen den Studierenden in Massenveranstaltungen und Frontalvorlesungen jegliche Sensibilisierung für die Arbeit in Gruppen und dem Umgang mit Konflikten. Und sollte es doch zu Gruppenarbeiten kommen, so ist die individuelle Bewertung entweder von vornerein festgelegt oder Kommilitonen beschweren sich, weil Gruppenmitglieder sich nicht genügend bemühen und die Benotung somit unfair ist.

Und wie steht es um Teamwork im Berufsleben?

Unternehmen verlangen zwar von ihren Bewerbern und Mitarbeitern, teamfähig und sozial kompetent zu sein (woher auch immer sie das können sollen?), fördern jene Eigenschaft selbst leider nur in den seltensten Fällen. So beruhen Karriereentwicklungen auf der individuellen Leistungsbeurteilung und das Gehalt wird ebenso individuell verhandelt – Entlohnungen für gemeinschaftlich erreichte Ergebnisse sowie eine gemeinsame Weiterqualifizierung von Teams gibt es kaum. Außerdem wird nahezu jeder Arbeitsplatz so gestaltet, dass ihn genau eine Person besetzen muss; in den meisten Fällen mit einem Workload von 40 Stunden. Jobs werden somit nach starren Denkmustern gestaltet und die Menschen diesen zufolge bewertet. Diese Denkmuster sind höchst individualistisch und keineswegs von Teamgeist geprägt.
Es ist schon paradox, dass Unternehmen auf der einen Seite mit Gruppen- und Teamarbeit ihre Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit steigern wollen, auf der anderen Seite jedoch Berufsausbildungen, Nachwuchstrainings, Entgeltzahlungen und Karriereentwicklungen nach traditionellen und individualistischen Kriterien ausrichten.

Wie lässt sich das Paradoxon auflösen?

Um den Gemeinsinn und die Arbeit miteinander anstatt gegeneinander zu fördern, muss ein Umdenken auf vielen Ebenen geschehen. Lassen wir die Erziehung und das Bildungssystem dabei an dieser Stelle außen vor und fassen ausschließlich das Unternehmen selbst und ihre Möglichkeiten ins Auge. Viele Unternehmen wissen, dass ein Mitarbeiter, der sein persönliches Vorankommen hinten anstellen kann, für sie wirtschaftlicher ist. Schließlich würde sonst das Einstellungskriterium „Teamfähigkeit“ nicht in jeder Jobanzeige auftauchen und abgefragt werden. Doch ein solches Miteinander kann nur funktionieren, wenn das Unternehmen die Infrastruktur hierfür stellt. Das kann zum einen bedeuten, Jobs zu besetzen, die darauf ausgerichtet sind, mit anderen zusammenzuarbeiten. Zusammenhängende Aufgabenbereiche können beispielsweise gesplittet werden, um die Verantwortung bewusst auf mehrere Köpfe aufzuteilen. Eine weitere Möglichkeit ist die Neugestaltung des Entlohnungssystems: Sowohl Gehälter als auch Feedbackgespräche sollten weniger individualistisch ausgerichtet werden. Wenn solche Belohnungen – auch in verbaler Form – teamorientiert geschehen, kann die Motivation in Richtung Teamwork angeregt werden.
Im Prinzip geht es darum, die Mitarbeiter dazu zu motivieren im Team arbeiten zu wollen und hierfür Anreize zu schaffen. Es geht darum die heimliche Karrierespielregel „Wenn du Karriere machen willst, musst du dich als einzelner hervorheben“ aus den Köpfen zu streichen und zu zeigen, dass Karriere – was auch immer das sein mag – auch im Team möglich ist.

8 Kommentare
  1. Elvira
    Elvira sagte:

    Sehr wahr, aber leider nicht im Sinne der maximalen Nutzung des Humankapitals. Zumindest wie es die derzeitigen Machthaber verstehen.
    Wenn das Individuum ständig gegen seine Kollegen im Wettbewerb steht, versucht es besser zu sein, strengt sich mehr an. Und wird natürlich erpressbar. Wenn es individuelle Gehälter und Arbeitsverträge gibt, die auch noch höchster Geheimhaltung unterliegen, entsteht keine Solidarisierung. Ständige „Restrukturierungen“ mit Entlassungswellen (und anschließendem Nachkauf von billigen, jüngeren Kräften) tragen zusätzlich zur Verunsicherung bei.
    Jeder kämpft für sich allein; der Kollege, mit dem du im Team zusammenarbeitest, ist immer auch dein potentieller Feind, der dich morgen aus dem Job verdrängen kann.
    Das Modell nennt man „Management By Fear“, eigentlich ein absolutes No-Go, denn Angst erzeugt keine Motivation, und die wäre wichtig für echte Produktivität. Aber es ist trotzdem immer noch etabliert. Wahrscheinlich weil es den hoch intelligenten Young Potentials, die in der HR-Abteilung herrschen, niemals einfiele, irgendetwas zu verändern. Wär ja Arbeit.

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  2. Ellen Haertel
    Ellen Haertel sagte:

    Wahre Worte, Elvira. Wir kämpfen weiter dafür, dass das WIR sich durchsetzten kann. Ich glaube es schlummert viel mehr Teamgeist in uns allen als wir denken.

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  3. H.F.
    H.F. sagte:

    Teamgeist 2016 bedeutet nach mehrfacher Bestätigung, einer arbeitet und andere profitieren davon.
    Das ist bei meiner Tochter im Gymnasium, (wo man es eigentlich nicht vermuten sollte)
    wie auch im kleinen Betrieb in dem ich arbeite so.
    Selbst Nachwuchskräfte im Handwerk haben eine Sch…egal Einstellung.
    „Ich brauch nur einen Arbeitsplatz aber um Himmelswillen keine schwere Arbeit, denn ich mache nur das Jahr voll um wieder AlG zu bekommen“.
    Wenn man so etwas immer wieder hört,
    Fragt man sich doch, ob es sich wirklich noch zu Kämpfen lohnt für dieses lang vergessene „WIR“

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    • Marion Hellebrandt
      Marion Hellebrandt sagte:

      Guten Morgen,

      deine Aussage ist absolut nachvollziehbar – auch ich kenne es aus der Uni und der Schule noch, dass viele keine Lust auf Teamarbeit haben, weil letztendlich doch wieder einer oder zwei die ganze Arbeit übernehmen. Andererseits gibt es auch die Arbeitsgruppen oder Teams für die es sich lohnt zu kämpfen, die an einem Strang ziehen, Aufgaben fair aufteilen und auch erledigen – und damit tolle Ergebnisse erzielen. Eine Unternehmenskultur, in der Teamarbeit wirklich gelebt und befürwortet wird, kann Teamgeist fördern. Als besonders wichtig erachte ich bei der Teamzusammensetzung, dass sich niemand benachteiligt fühlt, weder im Gruppengefüge – Stichwort Wertschätzung – als auch in Hinblick auf die Aufgabenverteilung.

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  4. H.F.
    H.F. sagte:

    Dieses Umdenken zu erreichen, wird aber ein harter Weg und muß meines Erachtens doch von ganz unten begonnen werden.
    Wenn überwiegend schon von Kleinauf der Leistungsdruck gelebt wird, ist bei Uns doch etwas im argen. Sehr viele sagen “ meinem Kind soll es mal besser haben als ich/wir“ was im Endeffekt wieder auf bessere Leistung und nutzen der Ellenbogen ausläuft.

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    • Marion Hellebrandt
      Marion Hellebrandt sagte:

      Absolut. Individualistisches Denken beginnt bereits im Kindesalter und zieht sich durch unser gesamtes Bildungssystem. Es ist sicherlich auch nicht möglich dieses von heute auf morgen zu verändern, dennoch bin ich froh immer wieder auf Querdenker und Andersmacher zu treffen, die frischen Wind in bestehende Systeme mit starren Strukturen bringen – ob in der Schule oder Unternehmen. Solche Menschen braucht es, damit sich etwas ändern kann – damit Kinder oder Erwachsene sich die Hand reichen und zusammenarbeiten – auf eine Weise die Freude bringt und gleichzeitig effizient ist.

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      • H.F.
        H.F. sagte:

        Es wäre erfreulich, wenn es viele Leser und Interessierte durch einen Zufall hierher schaffen, wie es mir wiederfahren ist.
        Wenn dann noch dieses Umdenken stattfindet, sollte nur noch der Spitze wieder in das Gedächtnis gerufen werden, das ein Produkt nicht nur profitabel, sondern auch gut und dauerhaft brauchbar sein sollte.
        Erst dann herrscht unter Umständen wieder normalität und der Job macht wider Freude, auch im Team.
        Denn wenn der Wettbewerb über die Qualitätsoptimierung eines Produktes und nicht über die Gewinnmaximierung geführt wird, strengt man sich doch gern an.

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